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Celle Ortsteile 30 Jahre im Traumberuf
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile 30 Jahre im Traumberuf
14:15 01.10.2017
Nach 30 Jahren haben sich 16 Erzieherinnen am Ort des früheren gemeinsamen Lernens, in den Berufsbildenden Schulen III in der Bahnhofstraße, wiedergetroffen. Quelle: Anke Schlicht
Celle

„Hier hatten wir Musik und Kunst“, oder „in diesem Raum haben wir doch unsere Abschlussarbeiten geschrieben“, ist aus der Gruppe der 16 Frauen zu hören. Mit jedem Schritt in der weitläufigen Lehranstalt in der Bahnhofstraße tauchen die Erzieherinnen tiefer ein in ihre Vergangenheit. In den Berufsbildenden Schulen III haben sie als junge Mädchen die Schulbank gedrückt, nun sind sie gestandene Frauen mit 30-jähriger Berufserfahrung.

Noch sind sie nicht wirklich wieder miteinander warm geworden, die meisten haben sich seit dem Anerkennungsjahr 1987, das den Abschluss ihrer Erzieherausbildung markierte, nicht mehr gesehen. Erst ganz allmählich stellt sich das Gefühl der Vertrautheit wieder ein. „Da gibt es etwas, das uns miteinander verbindet“, formuliert Heike Röhrig ihr Empfinden beim ersten Wiedersehen mit Blick auf damals. Das Band hat sich verlängert bis in die Gegenwart. Alle 16 Frauen sind ihrem erlernten Beruf treu geblieben, dessen Profil entsprechend arbeiten sie in ganz unterschiedlichen Einrichtungen vom Waldorfkindergarten über Jugendzentren bis zur Förderschule.

„Man muss Rückgrat haben, eine gestandene Persönlichkeit sein, alles andere ist nichts für Kinder, empathisch und umsichtig sein und gerne mit Menschen umgehen“, beschreibt die Gruppe die wichtigsten Voraussetzungen für die verantwortungsvolle Tätigkeit, in der sich die Gesellschaft widerspiegelt. „Das, was draußen los ist, schwappt zu uns in den Kindergarten.“

Der pädagogische Ansatz habe sich im Laufe der Jahrzehnte grundlegend verändert. „Früher saßen alle Kinder um den Tisch und kneteten einen Schneemann“, liefert Susanne Granow, die das Klassentreffen organisiert hat, ein Beispiel. „Heute ist alles individualisierter, man holt jedes Kind da ab, wo es ist“, erläutert Granow, die aus Eicklingen stammt und mittlerweile in Hannover lebt und dort in einem Hort in der Südstadt arbeitet. „Wir haben hier eine gute Ausbildung genossen, aber man muss in diesen sozialen Berufen immer dran bleiben, es gibt stetig Umbrüche“, ist ihre Erfahrung. Früher hieß es, die Familie solle ergänzt werden, heute gehe es häufig darum, die Familie zu ersetzen.

„Die Kinder erleben heutzutage die Jahreszeiten nicht mehr, ihnen fällt es schwer, längere Spaziergänge zu machen. Und welches Kind weiß denn heute noch, wie eine echte Kuh aussieht“, benennen die erfahrenen Sozialarbeiterinnen Veränderungen zum Beginn ihrer Berufslaufbahn. „Wenn sich von Seiten der Kinder das Vertrauen einstellt, das ist etwas Wunderbares“, macht die Celler Waldorfkindergärtnerin Jutta Neffati einen eindeutigen Vorzug ihrer Tätigkeit aus.

„Ja, Erzieherin ist mein Traumberuf“, antwortet Heike Röhrig ohne Zögern. Einige Kolleginnen schließen sich an, andere zweifeln. Einig sind sich hingegen alle 16 Frauen in der Einschätzung: „Die Anerkennung und Bezahlung für unseren Beruf ist viel zu gering. Da muss sich etwas ändern.“

Von Anke Schlicht