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Celle Ortsteile 88-jähriger Patient unter Schrank begraben
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile 88-jähriger Patient unter Schrank begraben
15:36 19.02.2010
Von Gunther Meinrenken
Gudehausen

„Jedes Ikea-Regal wird angeschraubt, nur in einer Klinik, in der demente Patienten liegen, werden nicht einmal die Schränke gesichert.“ Mit diesem Vorwurf konfrontiert Sabine Meyer (Name geändert) die Verantwortlichen im St. Josef-Stift, nachdem in der Geriatrie-Abteilung ein Kleiderschrank auf ihren Vater gestürzt war. Zwei Wochen später verstarb der 88-Jährige an einer Lungenentzündung.

Am 11. Dezember war Meyers Vater mit einem Schlaganfall ins AKH eingeliefert worden. Eine Woche später wurde er in die Reha-Abteilung des St. Josef-Stifts überwiesen. „Am 30. Dezember erhielt ich einen Anruf, dass ein Unfall passiert sei“, berichtet Meyer. Dabei war tags zuvor ein Kleiderschrank auf ihren Vater gestürzt.

Der 88-Jährige hat sich dabei schwere Verletzungen zugezogen: eine Platzwunde über dem Auge, offene Wunden am rechten Arm, zwei Rippenbrüche und einen Bruch des Beckens. „Letzteres haben die Ärzte erst zwei Tage später festgestellt. Dabei hatte mein Vater hohen Blutverlust, den sich die Ärzte nicht erklären konnten, er hat sogar schon Blutkonserven bekommen“, erzählt Meyer.

In Folge der Verletzungen war Meyers Vater bettlägerig. Nach kurzer Zeit bekam er eine Lungenentzündung. „Sein Zustand wurde von Tag zu Tag schlechter“, so Meyer. Lebensverlängernde Maßnahmen lehnte die Familie ab. Am 8. Januar holten sie ihren Vater aus der Klinik und brachten ihn zurück in sein Pflegeheim. Zwei Tage später verstarb er dort. „Wer weiß, ob er die Lungenentzündung bekommen hätte, wenn er durch den Unfall nicht gezwungen gewesen wäre, im Bett zu liegen“, meint Meyer, die der Klinik vorwirft, sich nicht richtig um ihren Vater gekümmert zu haben. „Dass mein Vater dement ist, war dort bekannt“, so die Tochter, die auch den Umgang der Klinik mit dem Vorfall kritisiert. „Erst als ich mich schriftlich beschwert habe, hat sich der Oberarzt dazu bequemt, mir sein Bedauern auszudrücken“, regt sich Meyer auf.

Beim AKH-Verbund, zu dem das St. Josef-Stift gehört, hat man reagiert und ähnliche Schränke an der Wand festgeschraubt, so Olaf Schauer. „So etwas ist bei uns noch nie passiert, wir bedauern den Vorfall sehr“, meinte Schauer. Der 88-Jährige sei „nicht besonders auffällig“ gewesen. Weil er „zeitweise desorientiert“ gewesen sei, habe man schon häufiger nach ihm gesehen. „Dieser tragische Unfall war nicht vorhersehbar“, so Schauer.

Der Unfall hat sogar die Staatsanwaltschaft beschäftigt. Nach einer Obduktion, bei der die Lungenentzündung als Todesursache festgestellt wurde, „wurde der Verdacht der fahrlässigen Tötung ausgeschlossen“, so Oberstaatsanwalt Bernd Kolkmeier. Ein Zusammenhang zwischen dem Schranksturz, Bettlägerigkeit und Lungenentzündung habe die Staatsanwaltschaft nicht herstellen können.