Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Ortsteile Auge in Auge mit einem Braunbären
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Auge in Auge mit einem Braunbären
18:20 01.12.2017
Das Tourenrad, mit dem Helwig Lenz durch Amerika gefahren ist, hat schon 27.000 Kilometer auf dem Buckel. Quelle: Michael Schäfer
Celle

Insgesamt 96 Tage hat der ehemalige Berufsoffizier im Sommer 1999 gebraucht, um die 9413 Kilometer lange Nordroute von der West- bis an die Ostküste der Vereinigten Staaten mit dem Fahrrad zurückzulegen. „Bis auf eine einzige Ausnahme bin ich die gesamte Strecke auch wirklich gefahren“, sagt Lenz mit unüberhörbarer Zufriedenheit in der Stimme. „Nur ein einziges Mal musste ich schieben.“

Die Idee zu dieser ungewöhnlichen Kontinentalüberquerung sei während eines dreijährigen Aufenthaltes an der Militärakademie West Point im Staat New York entstanden, erinnert er sich. „Ich wollte ursprünglich im Auto mit meiner Frau von der Ost- bis an die Westküste fahren.“ Der 77-Jährige schmunzelt. „Sie war von diesem Plan damals nicht sonderlich begeistert. Also sind wir geflogen – aber der Gedanke daran, einmal den gesamten Kontinent zu bereisen, blieb im Hinterkopf.“

Als Lenz in Pension ging, setzte er seinen Plan um, völlig allein mit seinem Fahrrad quer durch Amerika zu fahren. „Wenn es extrem wird, dann ist man besser allein unterwegs“, findet er, „dann muss man nämlich keine Kompromisse eingehen.“ Und im Großen und Ganzen habe er das Alleinsein auch relativ gut überstanden. „Frau und Freunde fehlten nur immer dann, wenn es besonders schön war und ich niemanden hatte, um das Erlebte zu teilen.“

Das Tourenrad für die große Reise hat Lenz noch in Deutschland gekauft. „Etwa ein Jahr vorher, ich musste mich natürlich entsprechend vorbereiten. Ich bin im Harz und im Schwarzwald gefahren, schließlich brauchte ich ja Übung.“ Fahrradfahren, das gehe über den Kopf, betont er mit Nachdruck. „Eine solche Tour ist in erster Linie eine mentale Herausforderung, erst danach kommt die körperliche Anstrengung.“ Durchschnittlich 98 Kilometer pro Tag hat Lenz während seiner Reise durch die Vereinigten Staaten zurückgelegt – an manchen Tagen mehr, an anderen Tagen weniger. „Ich hatte immer die Möglichkeit, Pausen zu machen, wenn es nötig war“, erklärt er, „denn wenn man sich bei so einer Tour zu sehr unter Zeitdruck setzt, ist man von vornherein zum Scheitern verurteilt.“

Über die Cascades, die Rocky Mountains und die Appalachen führte Lenz' Weg, anstrengende Steigungen inklusive. Von jedem Pass, den er überquerte, schickte er einen kleinen Stein zurück nach Hause – Andenken, die er noch heute gerne betrachtet, um sich an seine ungewöhnliche Reise zu erinnern. „Ich habe auch Tagebuch geführt“, sagt er, „weil man die vielen Erlebnisse sonst einfach nicht im Kopf behalten kann.“

Die beeindruckende Begegnung mit einem Braunbären dürfte Lenz allerdings mit Sicherheit nie vergessen. „Ich war auf einer einsamen Straße in Montana unterwegs, als ich plötzlich im Chausseegraben den Bären entdeckte“, erzählt er. „Man soll sich ja nicht bewegen, also bin ich stehen geblieben. Der Bär auch. Ich habe geguckt, der Bär hat geguckt – und nach zehn Minuten hat er sich glücklicherweise getrollt.“

Es sei ein völlig anderes Reisen mit dem Fahrrad, schwärmt Lenz. „Man gewinnt völlig andere Eindrücke von Land und Leuten, erlebt alles viel intensiver.“ Und das sei sicherlich auch der Grund gewesen, warum er sich bald nach seiner Rückkehr aus den USA auch noch die neuen Bundesländer als Ziel auserkoren habe. „Ich hab mir gesagt: 'Die machst du auch noch mit dem Fahrrad'“, sagt er und lacht. Sein altes Tourenrad hat der 77-Jährige übrigens immer noch, inzwischen hat es 27.000 Kilometer auf dem Buckel. „Ich bringe es einfach nicht übers Herz, mich davon zu trennen.“

Von Christina Matthies