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Celle Ortsteile Buch über Kindermord wird in Celle vorgestellt
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Buch über Kindermord wird in Celle vorgestellt
16:46 05.03.2015
Krankenschwester Gudrun Kasch mit Patienten des Kinderkrankenhauses Rothenburgsort Quelle: Sammlung Lotte Albers
Celle

Mindestens 56 behinderte Kinder haben Ärztinnen zwischen 1940 und 1945 an einem Hamburger Kinderkrankenhaus getötet. Die spätere Cellerin Dr. Helene Darges-Sonnemann war an diesen Verbrechen als Stellvertreterin des Krankenhausleiters Wilhelm Bayer maßgeblich beteiligt. Und auch eine Krankenschwester, die nach dem Krieg am Celler AKH arbeitete, wirkte bei diesem mörderischen Tun in Hamburg-Rothenburgsort mit: Martha Müller folgte ihrer Chefin an die Aller nach.

Nachdem CZ-Redakteur Andreas Babel Ende 2009 die Lebensgeschichten des einstigen Hitler-Adjutanten Fritz Darges (siehe Artikel unten) und dessen Frau Helene in einer CZ-Serie aufgearbeitet hatte, stolperte er Mitte 2010 über die Dissertation von Marc Burlon, die der Hamburger im Internet veröffentlichte. „Über den Verbleib der Assistenzärztinnen unter Bayer gibt es wenige Quellen“, schrieb Burlon darin.

Das ließ Babel keine Ruhe. Er beschloss, möglichst viel auch über die anderen insgesamt 14 Medizinerinnen herauszufinden. Wichtig war es ihm, Nachfahren dieser Frauen zu finden, um zu erfahren, was sie von diesen Taten wissen und wie sie diese bewerten. Schnell war ihm klar, dass Artikel in einer Zeitung das Gesamtthema nicht abbilden können. Deshalb entschloss er sich, über die Menschen, die im „Mikrokosmos Kinderkrankenhaus Rothenburgsort“ während der NS-Zeit Schuld auf sich luden oder standhaft blieben, ein Buch zu schreiben. Das legt er nun mit „Kindermord im Krankenhaus“ vor.

Während der rund fünfjährigen Recherchezeit fand er mehrere Bezüge zu Celle. So saß zu Kriegsende der Ordinarius für Kinderheilkunde des Universitätskrankenhauses Hamburg, Rudolf Degkwitz, im Celler Gefängnis an der Trift ein, nachdem ihn Roland Freisler vorm Volksgerichtshof zu mehreren Jahren Haft verurteilt hatte. Degkwitz war erklärter Gegner der Nazis und der Kinder-Tötungen. Nach dem Krieg versuchte er, den Tätern von Rothenburgsort den Prozess machen zu lassen, was aber misslang. Umfangreiche Ermittlungen wurden zwar angestellt, ein Verfahren wurde aber 1949 nicht eröffnet.

Etwa 15 Jahre später heiratete einer der Juristen, die gegen die Mediziner ermittelt hatten, Walter Tyrolf, eine der beschuldigten Ärztinnen. Die Hochzeit organisierte Helene Darges-Sonnemann in Celle, wo die beiden derart durch die NS-Zeit geprägten Menschen sich ungestört das Ja-Wort geben konnten. Die Celler Medizinerin, die hier zur Leiterin der Kinderklinik aufstieg, pflegte nicht nur zu dieser ehemaligen Kollegin von Rothenburgsort freundschaftliche Kontakte, sondern auch zu einigen anderen der Assistenzärztinnen.

„Die zahlreichen und in ihrem Gesamtumfang einzigartigen Interviews, die Andreas Babel mit Familienangehörigen und Außenstehenden mit großem journalistischen Gespür führte und deren Inhalt er akribisch darstellt, lassen, wenn auch nur begrenzt, doch manchmal Schlüsse über die Ansichten und Einstellungen der hier dargestellten Medizinerinnen und Mediziner zu“, schreibt Professor Lutz Kaelber in seinem Vorwort. Kaelber ist einer der namhaftesten Experten zum Thema „Kinder-Euthanasie“ in NS-Deutschland.

Dem ist nur noch hinzuzufügen, dass der Autor nicht schwarz-weiß zeichnet, sondern genau hingeschaut hat. Es geht ihm nicht um Verurteilung, sondern um den Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen. Das möchte er auch im Gespräch mit Interessierten tun. Er steht für Vorträge und Diskussionen gerne zur Verfügung, wie er sagte.

Von Joachim Gries