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Celle Ortsteile Celler Autor präsentiert brasilianische Geschichten
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Celler Autor präsentiert brasilianische Geschichten
12:54 04.08.2017
Von Andreas Babel
Quelle: Repro: Andreas Babel
Celle

Einen besonderen Literaten beherbergt Celle seit gut einem Jahr in seinen Mauern. Gerd Pfeifer, Jahrgang 1933 und lang aufgeschossener Lincoln-Bartträger, hat vor kurzem einen bemerkenswerten Erzählband veröffentlicht. Schon sein Roman „Geneviève – Ein französischer Sommer“ ist im Verlag Ripperger & Kremers erschienen und auch dieses Werk ist herausragend. So wurde es 2014 mit dem Preis der Vontobel-Stiftung in Zürich ausgezeichnet.

Der Band „Ana und die Fische“ mit Geschichten aus Brasilien hat dieselbe Qualität. Er enthält zwei sehr kurze und zwei lange Erzählungen. Anregungen dafür erhielt der 84-Jährige, als er fünf Jahre lang jeweils sechs Monate lang in dem Amazonas-Staat zubrachte. Eine seiner Töchter hatte dort (zunächst in Rio, dann in Belem) einen Lehrstuhl für Veterinärmedizin inne. So hat Pfeifer dort jede Menge Lokalkolorit eingesogen und auch viele Sagen und Legenden gehört, die in sein Werk mit eingearbeitet worden sind.

Die kurzen Geschichten spiegeln zum Einen gesellschaftspolitische Fehlentwicklungen und deren Auswirkungen auf ein Straßenkind („Ein Paar Turnschuhe“) und zum Anderen innerfamiliäre Auswüchse wieder, die so auch in anderen Ländern vorkommen können („Enkelin Tassia“).

Der Autor hat erst im Rentenalter sein Talent fürs Schreiben entdeckt. Nach der Wende hat er Banker an der Leipziger Bankakademie und an der Uni Dresden ausgebildet. „Dabei haben mich Leute gebeten, etwas zu Papier zu bringen, weil ich offenbar die Ader habe, die trockenen VWL-Inhalte interessant darzustellen“, erzählt Pfeifer. Für seine Enkelkinder hat er Anfang des Jahrtausends seine Autobiographie „Kriegskind“ verfasst. Und mittlerweile arbeitet er an mehreren Geschichten gleichzeitig. „Es ist noch einiges von mir zu erwarten“, sagt er und lächelt dabei. Er ist nämlich bescheiden und macht sich nicht viel aus Publicity. Wenn er gefragt wird, berichtet er hingegen gerne aus seinem abwechslungsreichen Leben oder liest aus seinen Büchern vor.

Der Band ist sehr sorgfältig von Pfeifers Lebensgefährtin Brigitte Rosetz lektoriert worden. Die ehemalige Lehrerin hat den einstigen Investmentbanker an der „Universität des Dritten Lebensalters“ (UDL) an der Uni Göttingen kennengelernt. Dort sind die beiden auch heute noch eingeschrieben.

Pfeifers Stil ist schnörkellos. Er beschreibt präzise. Da ist kein Wort zu viel. Gleichzeitig nimmt er seine Leser auf die Reise mit. Sie sind als Zaungäste ganz nah am Geschehen. So schreiben zu können, das ist eine große Gabe.

Auf Celle ist das Paar gekommen, weil es in immer weiterem Radius um den Ursprungsheimatort Göttingen herum einen neuen Wohnort suchte, in dem es einen Bahnhof und ein Krankenhaus gibt. Nach längerer Suche fanden die Zwei ein geeignetes Haus an der Lachte. Von hier aus spazieren sie oft in die Altstadt.

Pfeifer ist auch noch fast so gut zu Fuß wie in Kindertagen, als er als Hitlerjunge und Schüler einer Napola sich begeistert fürs Hitler-Regime engagierte, ehe er von einem KZ-Außenlager bei Hannover erfuhr. Das öffnete ihm die Augen. „Junge Menschen sind so leicht verführbar“, weiß er. Es gebe Parallelen zu den heutigen jungen radikalisierten Islamisten.

Seinen Geschichten merkt man nicht an, das sie von einem Mann geschrieben worden sind, der schon lange sein neuntes Lebensjahrzehnt erreicht hat. Schade, dass Gerd Pfeifer sein Talent nicht viel früher entdeckt hat, aber er wirkt frisch und fit und so sollten möglichst viele Menschen noch einiges von ihm erwarten dürfen.