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Celle Ortsteile Experte: Nazi-Glocke in Faßberg nicht verstecken
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Experte: Nazi-Glocke in Faßberg nicht verstecken
18:53 22.10.2017
Quelle: dpa
Faßberg

Sowohl die Hitler-Glocke in der Michaelkirche in Faßberg als auch die im Turm der Kreuzkirche in Schweringen bei Nienburg, die beide noch ihren Dienst tun, entfesseln eine Diskussion zum Umgang mit nationalsozialistischen Überbleibseln. Während die Gemeinde in Faßberg mit ihrer kleinen Glocke seit langem offen umgeht und darüber informiert, kam es in Schweringen erstmals zu kontroversen Diskussionen. Der Kirchenvorstand legte die größte Glocke des Geläuts vorübergehend still. Unabhängig voneinander suchten beide Gemeinden nach einem guten Weg zum weiteren Umgang. Unterdessen forderte die Landeskirche Hannover die Stilllegung. Der Glockenexperte Sebastian Wamsiedler plädierte dafür, Kirchenglocken mit Nazisymbolen aus den 1930er Jahren in den Gemeinden weiterläuten zu lassen.

Ihre Geschichten müssten aufgearbeitet und gut sichtbar in der jeweiligen Kirche präsentiert werden, erläuterte Wamsiedler im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst: „Dann können sie als Mahnglocken weitergenutzt werden. Gerade ein unbequemes historisches Erbe sollte nicht versteckt werden.“

Dieser Weg sei in jedem Fall eine denkbare Alternative zum Abhängen solcher Glocken mit anschließender Präsentation in Museen. Dort würden sie oft weit weg von ihrem eigentlichen historischen Ort einem eher kleinen Publikum zugänglich gemacht, sagte der Glockensachverständige aus Salzgitter. Wamsiedler ist zugleich im Vorstand des Deutschen Glockenmuseums in Gescher in Nordrhein-Westfalen.

Wamsiedler regte an, die Gemeinde könnte nur zu bestimmten Anlässen die betreffende Glocke läuten. Vorstellbar sei auch, dass eine kleinere Glocke als Ergänzung gegossen werde. Diese könnte als Weltfriedensglocke etwa ein Wort des von den Nazis verfolgten Theologen Dietrich Bonhoeffer tragen. Katholische Bistümer und evangelische Landeskirchen sollten aber den Gemeinden nicht vorschreiben, wie sie mit ihrem schwierigen Erbe umgehen. „Sie können beraten, entscheiden sollen die Gemeinden vor Ort.“

Für die Gemeinde Faßberg kommt ein Umzug der Glocke in ein Museum nicht in Frage. "Wir werden damit aktiv umgehen", sagte der zuständige Superintendent des Kirchenkreises Soltau, Heiko Schütte. Momentan werde ein Datum mit nationalsozialistischem Zusammenhang gesucht, an dem man die Glocke anläuten könnte. "Damit ist klar, dass sich die Kirche nicht versteckt und Position bezieht", so Schütte.

Auch sonst soll die Kirchenglocke vermutlich weiterhin geläutet werden. "Das erinnert dann an eine Zeit, in die wir nicht zurückwollen", sagte der Superintendent. Zusätzlich könne man zum Beispiel auch eine zweite Glocke hinzuhängen – wie Wamsiedler bereits angeregt hatte.

Eine weitere Möglichkeit ist eine Art Mahnmal, was sich den Umgang der Stadtkirche Wittenberg mit dem nationalsozialistischem Gedankengut zum Vorbild nehme. Dort befindet sich vor dem Gebäude eine Platte auf dem Boden, als Pendant zur sogenannten "Judensau" an der Kirche. Schütte: "Wir machen etwas Ähnliches, das man nicht übersehen kann. Denn überhören kann man die Glocke allemal."

Von Martina Schwager und Audrey-Lynn Struck