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Celle Ortsteile Fachwerk trifft auf Moderne
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Fachwerk trifft auf Moderne
16:59 06.06.2017
Celle

So unkonventionell, wie Wachtendorf sich gibt, ist er auch an die Sanierung gegangen. „Ich habe hier viele eigene Ideen umgesetzt, manches ging, anderes nicht, und nicht alles ist hundertprozentig original.“ Literatur fand sich über das neue Domizil unweit der Synagoge in der Blumlage so gut wie keine. Um 1700, als es erbaut wurde, war es die Gegend der einfachen, wenig betuchten Vorstadtbewohner. Die Fassade blieb unverändert, ein Blick nach oben lässt Unfertiges vermuten, Kabelgewirr ist hinter dem oberen Giebelfenster zu erkennen. Den kleinen Windfang, durch den die 25 Gäste das Innere betreten, hat Wachtendorf einbauen lassen. Florale Muster auf den Bodenfliesen und die im Jugendstil gehaltene Glastür führen auf die falsche Fährte

„Eigentlich bin ich ein Typ fürs Bauhaus“, sagt er, und der Beweis präsentiert sich den Besuchern gleich hinter der zweiten Eingangstür. Nahezu das komplette Erdgeschoss ist ein zentraler Raum, moderne Kunst an den Wänden, Stahlrohrmöbel zu schwarzem Leder auf den gleichfarbigen Dielen lassen das innere Fachwerkkonstrukt, das um eine Querverstrebung ergänzt werden musste, fast übersehen. Modern trifft auf Historisches – dieser Eindruck setzt sich in der ersten fast durchgehend in Weiß gehaltenen Etage fort und sorgt bei den Besuchern für positives Erstaunen. „Man muss sich von mancher Konvention mal lösen“, zeigt sich Peter Rüber-Winterhoff angetan beim Anblick des von Metall dominierten kleinen Balkons, der mittels einer Stahltreppe mit der Terrasse im Parterre verbunden ist. „Er ist mit Respekt, aber ohne Ehrfurcht mit dem Objekt umgegangen. Das macht das Ganze so lebendig“, verleiht Corth Siegfried seiner Begeisterung Ausdruck.

Der Himmel ist dank eines komplett verglasten Dachfirstes stetiger Gast im Schlaf- und Gästebereich, dessen Deckenfachwerk der Bauherr nicht durchgehend hat ausfüllen lassen. Die offene Balkenlage benötigte er für eine eigenwillige „Glühbirnen-an-Kabel-Installation“ als Lichtspender für die Küche. „Ach, das ist eine Lampe, von außen sieht das nach Rohbau aus“, merkt ein Besucher an.

Der Eindruck des Unfertigen gefällt dem Bauherrn. „Alles ist doch immer im Fluss. In japanischen Häusern wird ein Raum bewusst nie fertig gestellt“, lässt Arnold Wachtendorf einen Satz fallen, der bei den Teilnehmern auf so große Zustimmung trifft wie die sehr individuelle Art seines Umbaus. „Oh, wir wussten gar nicht, dass wir so japanisch sind“, ist nur eine Erkenntnis, die die Besucher aus dem gleichermaßen unterhaltsamen wie informativen Fachwerkgespräch mitnehmen.

Von Anke Schlicht