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Celle Ortsteile Jugendämter in Celle suchen Bereitschaftspflegefamilien
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Jugendämter in Celle suchen Bereitschaftspflegefamilien
17:28 09.12.2016
Elke Gebauer hat 14 Jahre Erfahrung als Bereitschaftspflegemutter. "Kleine Kinder saugen Nähe regelrecht auf", sagt sie. Quelle: Michael Schäfer
Heese

Petra Schulze (Name geändert) ist eine junge Mutter mit zwei kleinen Kindern. Die Familie wohnt in einem Mehrfamilienhaus in der Innenstadt. Häufig hören Nachbarn, wie die Mutter schreit und die Kinder weinen. Schulze lebt isoliert, Tochter und Sohn besuchen keine Kita. In der Küche stapeln sich Müllsäcke. Blaue Flecken bei den Kindern kann die Mutter nicht erklären. Der Drei-und die Anderthalbjährige hinken in ihrer Entwicklung hinterher. Die Alleinerziehende ist überfordert und nicht bereit, Hilfen des Jugendamtes anzunehmen. Zu ihrem Schutz werden die Kinder in Obhut genommen und in einer Bereitschaftspflegefamilie untergebracht.

Bundesweit war die Zahl der Inobhutnahmen noch nie so hoch. In Stadt und Landkreis Celle waren es 2015 insgesamt 170. Rund ein Viertel der Minderjährigen war unter fünf Jahre alt und 44 Prozent waren über 14 Jahre alt. Momentan arbeiten die Jugendämter mit 18 Familien zusammen, um Kindern und Jugendlichen in akuten Notlagen ein behütetes Zuhause zu geben. Elke Gebauer (Name geändert) hat in ihrer Familie bereits 81 Kinder aufgenommen. Einige blieben nur eine Nacht, andere sogar mehrere Monate. In der Zwischenzeit klärte der Soziale Dienst, wie es für die Minderjährigen weiter gehen kann – bei den leiblichen Eltern oder in einer Pflegefamilie.

Vor genau 14 Jahren nahm Elke Gebauer das erste Kind – ein Baby – zu sich, das drei Tage blieb. Damals waren ihre eigenen Kinder schon aus dem Gröbsten heraus, die gelernte Erzieherin suchte nach einer Aufgabe. „Ich wollte nicht nur Hausfrau und Mutter sein“, erzählt sie. Meistens sprechen die Pflegekinder nicht darüber, was sie bei ihren Eltern erlebt haben. „Besonders kleine Kinder saugen Nähe auf und wollen rund um die Uhr kuscheln“, betont Gebauer.

„Es ist wichtig, dass Bereitschaftspflegefamilien aufgeschlossen sind und die Kinder so nehmen, wie sie sind“, erzählt Michael Graubohm von der Kinder-, Jugend- und Familienhilfe. Außerdem müssen Bereitschaftspflegefamilien zeitlich flexibel sein. „Es kann jeden Moment das Telefon klingeln und das Jugendamt dran sein.“

Ein Großteil des neuen Familienlebens besteht aus Fahrdiensten: Zur Kita oder Schule, zum Arzt oder Therapeuten und regelmäßig zum Jugendamt, denn dort können die Kinder ihre leiblichen Eltern treffen – die nicht wissen, wo die Kleinen vorübergehend untergebracht sind. Auch für die Mahlzeiten gibt es feste Termine. „Die Kinder genießen das geregelte Familienleben, wenn alle gemeinsam am Tisch sitzen“, sagt Gebauer. Ein Junge habe sie immer gefragt, ob es morgen wieder Frühstück gebe. „Ja, morgen und auch übermorgen gibt es wieder Frühstück. Und auch Mittag- und Abendessen.“ Für die Versorgung und Betreuung erhält die Familie einen Tagessatz in Höhe von 54 Euro.

Auszeiten und Privatsphäre sind wichtig für die Bereitschaftspflegefamilien, in denen Eltern und leibliche Kinder Zeit für sich haben. „Wir machen konsequent einen Familienurlaub im Jahr“, sagt Gebauer. Dann springen andere Pflegefamilien ein. Doch Weihnachten dürfen die Pflegekinder bleiben und bekommen kleine Geschenke. Die Verwandtschaft frage immer: „Mit wie vielen Personen können wir rechnen?“

Zu wenigen Pflegekindern hat Gebauer heute noch Kontakt: „Ich freue mich, wenn sie wieder nach Hause können. Es ist wichtig, kleine Kinder wieder gehen lassen zu können. Das kann nicht jeder.“

Von Dagny Rößler