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Celle Ortsteile Mieter am Reiherberg in Scheuen: "Wir wollen hier nicht weg"
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Mieter am Reiherberg in Scheuen: "Wir wollen hier nicht weg"
20:21 29.06.2016
Die Hausgemeinschaft am Reiherberg in Scheuen hält fest zusammen, um nicht ausziehen zu müssen. Vor kurzem grillten die rund 20 Nachbarn spontan zusammen und tauschten sich am Picknicktisch aus (Bild unten). Quelle: Michael Schäfer
Scheuen

Noch weiter draußen kann man in Celle fast nicht wohnen. Doch hier am Rande der Scheuener Flüchtlings-Notunterkunft fühlen sich 21 Mieter richtig wohl. Rasen, Beete und Bambus zwischen den zwei Wohnblöcken am Reiherberg sind liebevoll gepflegt. Neulich hat die Häusergemeinschaft spontan zusammen eine Fest gefeiert und gegrillt. Daneben steht ein Sandmuschel für die Jüngsten.

Als im September die Flüchtlinge kamen, schmollten die Bewohner nicht, sondern hängten ein Transparent auf und begrüßten die neuen Nachbarn mit „Refugees welcome“. Doch die gute Stimmung wird getrübt, von einem Schreiben der Celler Stadtverwaltung. In diesem werden zehn Mietparteien dazu aufgefordert, ihrem Vermieter zu kündigen. Bis Mitte August haben sie Zeit dazu. Ausziehen müssen sie spätestens zum Jahresende, sonst drohe die „Zwangsräumung“, wie Eigentümer Jens Ückert es nennt, denn die Gebäude sollen abgerissen werden. Als Grund wird die Änderung des Flächennutzungsplanes genannt, die den Ausbau der Akademie für Brand- und Katastrophenschutz (NABK) in Scheuen vorbereitet.

Die beiden Wohnblöcke wurden 1966 gebaut, sie wurden ehemals „militärisch zweckgebunden genutzt“, heißt es im Betreff des Briefes. Seit 1968 wohnt Margarete Loll hier. Sie ist inzwischen 85 Jahre alt und hat zwischen diesen Wänden ihre beiden Söhne großgezogen. Ihr Mann Siegfried war Hauptfeldwebel in der Kaserne nebenan. Auf seine letzten Tage im vergangenen Jahr regte er sich sehr über den ersten Brief des Bauamts auf, der die „Wohnnutzung“ ab 2017 untersagte. Nun lebt Margarete Loll allein. „Mir bereitet diese Ungewissheit schlaflose Nächte“, erzählt sie. „Ich frage mich immer, was wird. Wir wollen hier nicht weg.“

Loll möchte das gute Verhältnis zu ihren Nachbarn nicht missen. „Herr Becker fährt mich immer, wohin ich möchte“, erklärt Loll. Zum Arzt oder zum Einkaufen. Klaus Becker wohnt seit mehr als 30 Jahren hier, auch er diente bis zu seinem Ruhestand als Soldat treu der Bundesrepublik. Seine Frau pflegt ihren 86-jährigen Vater nebenan. „Ich habe meiner Schwiegermutter am Sterbebett versprochen, dass er zu Hause sterben darf“, betont Becker.

In den insgesamt drei Gebäuden wohnen mehrere Generationen, auch drei Familien mit kleinen Kindern. Sina Großmann ist mit ihrer zweijährigen Tochter erst vor wenigen Wochen von Westercelle nach Scheuen gezogen. Sie schätzt hier draußen die Ruhe: „Mein Kind kann hier nicht auf die Straße laufen und dafür immer auf dem Rasen spielen. So eine Wohnung ist schwer zu finden.“ Als Alleinerziehende muss sie jeden Cent umdrehen. Für 62 Quadratmeter bezahle sie 350 Euro kalt, für die Nebenkosten noch 50 Euro obendrauf.

Nach der Sanierung schlug Eigentümer Ückert nur 20 Euro auf die Miete drauf. „Dieser Mann ist zu 100 Prozent sozial“, erklärt Mieter Becker. Als ein Bewohner gestürzt war, organisierte sein Vermieter sofort die Pflege. Vor fast zehn Jahren hat Ückert die drei Gebäude von der Bima (Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) erworben, kurz bevor die „Freiherr-von-Fritsch-Kaserne“ geschlossen wurde. „Seit nunmehr sieben Jahren versucht die Stadtverwaltung mich dazu zu zwingen, meinen Mietern zu kündigen und die Gebäude abreißen zu lassen und das ohne schlüssige Begründung“, beklagt Ückert. Auch den Oberbürgermeister, den Ortsbürgermeister und die Fraktionen im Stadtrat habe er angeschrieben. „Außer dem kleinen Sachbearbeiter, der mit mir sprechen muss, verweigern alle die Kommunikation“, so Ückert.

Die Stadtverwaltung reagiert verhalten auf Nachfragen: „Mit Rücksicht auf das laufende Verfahren können wir leider nicht zu allen Einzelheiten Stellung nehmen“, schreibt Stadtsprecherin Myriam Meißner. Der jetzige Eigentümer habe die Immobilien gekauft, um sie privat zu vermieten. „Das tat er, obwohl die Verwaltung ihm vorher mitgeteilt hatte, dass Wohnnutzung dort nicht mehr möglich ist“, so Meißner. Die Entscheidung der Stadt Celle sei per Beschluss des Verwaltungsgerichts Lüneburg gültig. Von Anfang an hätte dem Eigentümer klar sein müssen, dass das Wohnen dort verboten sei. „Trotzdem werden seitens des Eigentümers immer wieder neue Mietverträge abgeschlossen, die sehenden Auges in eine sehr missliche Situation gebracht wurden“, erklärt Meißner. Seit dem Urteil bemühe sich die Stadt um eine „sozialverträgliche Lösung“. Aus Rücksicht seien lange Fristen gesetzt worden, um auszuziehen. Warum sich die Stadt an die Bewohner wende? „Die Mieter sind Nutzer der Gebäude. Für die Nutzungsuntersagung sind sie daher die Adressaten“, erläutert Meißner. Der Vermieter erhalte gesondert Bescheid, doch dieser sei zurzeit nur schwer zu erreichen.

Von Dagny Rößler