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Celle Ortsteile Nur laues Lüftchen im Bett - oder komplette Windstille?
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Nur laues Lüftchen im Bett - oder komplette Windstille?
19:41 08.09.2017
Quelle: Alex Sorokin
Celle

Kurt Tucholsky fällte schon 1930 in seinem Gedicht „Danach“ sein Urteil: "Die Ehe war zum jrößten Teile vabrühte Milch und Langeweile. Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.“ Fast ein Jahrhundert später hat es an Aktualität und Brisanz nichts verloren. Die sieben ultimativen Lustkiller haben die Jahrzehnte wahrlich überdauert: Stress, Dauernöhlen und Routine verhindern, dass es überhaupt zum erotischen Miteinander kommt. Unterbrechungen (wie Handygeklingel), Gerüche und der falsche Name, den der Partner im Rausch hervorbringt, sorgen für schnelle Abkühlung. Und dann ist da noch der oft unterschätzte Dauerbrenner: Socken im Bett. 67 Prozent der Frauen und 82 Prozent der Männer halten Sex für wichtig (Umfrage von 2012), und in Deutschland geht man statistisch im Schnitt zweimal in der Woche miteinander in die Federn. Und doch: In vielen Beziehungen herrscht Flaute im Bett. Aus der ganzen sexuellen Beziehung ist irgendwie die Luft raus – komplette Windstille sozusagen. Nur ein Klischee?

„Nein“, sagt Wolfram Möller. Der Diplom-Sozialpädagoge ist Leiter des evangelischen Beratungszentrums der Diakonie Celle. Rund 100 Paare aus dem Raum Celle suchen Jahr für Jahr Hilfe im Beratungszentrum, um wieder frischen Wind in ihre Beziehung zu bringen. „Die Altersgruppe der 30- bis 50-Jährigen ist dabei am häufigsten vertreten“, sagt er. Allerdings sei es kein Naturgesetz, dass eine langjährige Beziehung ein Lustkiller sein muss. Nach zehn oder zwanzig Jahren muss die Luft aus einer Partnerschaft nicht raus sein. „An einer Beziehung muss immer gearbeitet werden. Beide Partner müssen im Gespräch miteinander bleiben“, ist sich Möller sicher.

„Ich hatte in meiner Beziehung häufig das Gefühl, funktionieren, ständig zur Verfügung stehen zu müssen“, berichtet Elke M. (49). Die inzwischen geschiedene Frau hatte in der Ehe Haushalt und Kind zu versorgen, während ihr Partner immer nur an das Eine dachte. „An jedem zweiten Abend wollte er Sex. Da bleibt die Romantik schon mal auf der Strecke.“ Ihr Partner wiederum fühlte sich von ihr vernachlässigt: „Ich hatte das Gefühl, gar nicht mehr wahrgenommen zu werden.

Sie spricht chinesischund er Suaheli

Wollen Frauen kuscheln und Männer bloß Sex? „Nein“, sagt Möller. „Oft ist es so, dass der Mann Sex will, und die Frau will reden. Und wenn sie reden, reden sie häufig aneinander vorbei. Sie spricht Chinesisch und er Suaheli. Da müssen sich beide schon auf eine Sprache verständigen“, erläutert der Sozialpädagoge. „Bei Paaren in mittleren Jahren schlafe die Sexualität manchmal ein.“ Karriere, Beruf, Familie und Kinder seien die Lustkiller. „Die Partner sind einfach zu erschöpft und haben keine Zeit mehr füreinander. „Das höre ich oft in meinen Beratungsgesprächen“, sagt er. „Die Kinder sind endlich im Bett. Da sitzt man noch eine Stunde vor dem Fernseher. Der eine Partner schläft ein und geht ins Bett. Der andere kommt später nach und legt sich hin. Da ist erstmal nichts mehr mit Sex.“

Frauen seien, wenn sie Kinder haben, zunächst einmal auf den Nachwuchs konzentriert. Männer wüssten das, fühlten sich aber oft abgewiesen. Auch die körperliche Umstellung nach einer Schwangerschaft spiele eine Rolle, weiß Möller. Die Männer müssten dann ihrer Partnerin ganz behutsam das Gefühl geben, dass sie trotzdem noch attraktiv ist, auch wenn sie nach der Geburt noch ein paar Pfund mehr auf die Waage bringt.

„Meine Nichte ist 35, hat zwei kleine Kinder. Sie weiß morgens schon, dass sie abends ihrem Mann wieder zur Verfügung stehen muss“, berichtet Elke. „Da geht natürlich sehr viel Romantik und Lust verloren“, räumt sie ein. In diesem Fall sei es wichtig, dem Partner häufiger mal zu zeigen, dass man ihn wertschätzt, sagt der Sozialpädagoge. Das könne sowohl durch eine Geste sein, wie eine zärtliche Berührung oder eine Umarmung, als auch durch ein gemeinsames Essen oder einen Urlaub. „Wenn ich keine Lust habe, mit meinem Partner essen zu gehen oder mit ihm in den Urlaub zu fahren, dann habe ich auch keine Lust auf Sex. Das Eine bedingt das Andere“, weiß Möller.

Aber nicht nur Paare im mittleren Alter haben ihre Probleme beim Sex. „Auch die Jugend steht enorm unter Druck“, sagt Möller. Viele erinnern sich zwar immer noch gern an den ersten Kuss, das erste Mal und die Schmetterlinge im Bauch. Aber Fakt ist, dass auch viele junge Paare Probleme mit ihrer Sexualität haben. Obwohl die Hormone gerade in jungen Jahren ständig Karussell fahren und junge Leute eigentlich ständig verliebt sind und Lust haben, entstehe auch ein gewisser Leistungsdruck. „Die Mädchen sind heute sehr viel offener und auch fordernder“, erzählt Julian S.. „In der Disco baggern sie einen extrem an und haben genaue Vorstellungen, was sie wollen. Da fühlt man sich als Mann schon mal unter Druck, die Frau tatsächlich befriedigen zu können – vor allem, wenn man noch nicht so viele sexuelle Erfahrungen hat“, sagt er. Gerade bei jungen Männern, die noch vieles ausprobieren müssen, komme es häufig zum vorzeitigen Samenerguss, was zu Frust im Bett bei Männern und Frauen führe, berichtet Möller.

Leistungsdruckim Schlafzimmer

„Auch die Medien üben heutzutage einen enormen Druck auf junge Männer und auch Frauen aus“, ergänzt Möller. Viele meinten, in jeder Hinsicht perfekt sein zu müssen, sie wollten sowohl den perfekten Körper haben als auch im Bett sämtliche Stellungen beherrschen. Das führe zu Leistungsdruck nicht nur im gesellschaftlichen Leben, sondern auch im Schlafzimmer. Auch hier sei Reden über spezielle Wünsche und Vorlieben der Schlüssel zum Erfolg. „Beide sollten allerdings nur etwas tun, was beiden Partnern Spaß macht. Den Anderen zu etwas zu überreden, was dieser absolut nicht will, ist ganz sicher nicht der richtige Weg“, mahnt der Therapeut.

„Sexualität verändert sich in Übergangssituationen“, erläutert Möller. Dazu zählen wichtige Wendepunkte im Leben: Hochzeit, die Geburt der Kinder oder wenn die Kinder das Haus verlassen: „Dann sind Eltern plötzlich wieder ein Paar und können mit der gemeinsamen Zeit manchmal gar nichts mehr anfangen.“ So erging es auch Manfred W. (74), der mit seiner Frau Brigtitte (71) allein im Haus war, als seine Tochter zum Studieren auszog. „Meine Frau und ich hatten uns einfach nichts mehr zu sagen. Wir gingen uns nur noch gegenseitig auf den Geist. Das Haus leer. Uns fehlte die gemeinsame Aufgabe.“ In dieser Situation sei Sexualität eine wichtige Säule in der Beziehung, so Möller. „Klappt es im Bett, dann funktioniert auch das Zusammenleben im Alltag besser.“

Nun kommen im Alter neue Probleme hinzu. Gesundheitliche. Die Libido ist aufgrund medizinischer Ursachen eingeschränkt. Beim Mann kann die Erektionsfähigkeit nachlassen, bei Frauen können die Wechseljahre zu Unlust führen, teils kommt es zu Schmerzen beim Sex. Für Elke waren die Wechseljahre dagegen ein „Befreiungsschlag“. Das Wissen, keine ungeplante Schwangerschaft mehr befürchten zu müssen und nicht mehr so starken hormonellen Schwankungen zu unterliegen, habe sie noch einmal durchstarten lassen. „Ich habe vieles ausprobiert und diese Zeit genossen. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich.“

Haben Sie noch Sex, oder spielen Sie schon Golf? Älteren Menschen auf diese süffisante Art zu unterstellen, sie seien völlig asexuelle Lebewesen, sei völlig falsch, findet Möller. „Wir wissen, dass eine hohe Anzahl der 70- bis 80-Jährigen noch sexuell aktiv sind“, sagt der Sozialpädagoge. Auch wenn diese Altersgruppe körperlich vielleicht nicht mehr so fit sei, sehnten sich auch ältere Menschen nach wie vor nach Intimität und Zärtlichkeit. Häufig stoße das auf Ablehnung der Kinder. „Viele Menschen können sich einfach nicht vorstellen, dass ihre Eltern möglicherweise ein wildes, ausschweifendes Sexleben führen, und schon gar nicht im Alter“, berichtet Möller. Das sei für sie ein absolutes No-Go. Aber da müsste auch die 82-Jährige oder der 85-Jährige mal sagen: „Jetzt bin ich mal dran. Meine Kinder sind groß. Jetzt geht es um mich und meine Bedürfnisse.“

Ganz gleich in welcher Lebensphase – Sex bereichert die Beziehung und gehört zum Leben. „Die Attraktivität des Partners lässt nicht nach, nur weil man älter wird“, ist der Celler Sexualtherapeut Möller überzeugt. „Auch wenn er eine Glatze und einen kleinen Bauchansatz bekommt und sie die eine oder andere Falte, bleibt der Partner liebenswert.“ Anstelle der anfänglichen Leidenschaft trete nun Liebe und Vertrautheit. Und genau darum wird vielleicht beim Happy-End im Film noch immer häufig „abjeblendt“. Aber danach gibt es doch noch einiges mehr als „vabrühte Milch und Langeweile“.

Von Simone Gatz