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Celle Ortsteile "Pianist in den Trümmern" spielt in Celle
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile "Pianist in den Trümmern" spielt in Celle
18:47 27.04.2018
Von Gunther Meinrenken
Quelle: Fremdfotos/eingesandt
Celle

Jarmuk wurde 1948 als Flüchtlingslager für Palästinenser gegründet. Heute – in der vierten Generation – verweigert uns die Regierung syrische Pässe. Jarmuk ist in der Zwischenzeit zu einer richtigen Stadt geworden. 2011, im so genannten Arabischen Frühling, schlossen sich die Palästinenser den Protesten gegen Assad an. Das Ergebnis war, dass er Jarmuk belagerte und von der Wasser- und Elektrizitätsversorgung abschnitt. Die Lage wurde immer schlimmer. Es gab kaum noch Essen, die Leute begannen zu verhungern. Assads Armee bombardierte uns, Schulen wurden geschlossen, es gab keine Medikamente mehr. Mein zweiter Sohn wurde ohne medizinische Hilfe geboren. Und 500 Meter entfernt von uns ging das normale Leben in Damaskus weiter, gingen die Leute aus in Cafés, zum Einkaufen oder auf Partys.

Was sind Ihre schlimmsten Erlebnisse?

Terror, Angst und Hunger. 300.000 Leute flohen aus Jarmuk, jetzt sind noch gerade einmal 1500 da. Ich habe Menschen auf der Straße sterben sehen, die Leute haben Katzen und Hunde gegessen, um zu überleben. Die Frau eines Freundes von mir wollte zur Geburt ihres Kindes nach Damaskus, aber am Checkpoint wurde sie nicht durchgelassen. Nach Stunden des Wartens ist sie dort gestorben.

Haben Sie Verwandte oder Freunde im Krieg verloren?

Viele Freunde und Nachbarn von mir sind ums Leben gekommen. Meine Eltern und mein Onkel haben Jarmuk verlassen. Aktuell weiß ich nicht, ob mein Bruder noch am Leben ist oder nicht. Es ist eine furchtbare Situation. Und ich habe ein Mädchen verloren, die mit mir gesungen hat, Zainab. Sie wurde erschossen, direkt neben dem Klavier, als wir zusammen gesungen haben. Es war sehr gefährlich, auf der Straße Musik zu machen. Wir haben versucht, Plätze zu finden, wo keine Scharfschützen waren, oder wenn welche da waren, spielten wir um die Ecke. Eines Tages, als ich vor dem Klavierspielen Falafel an die Leute verteilte, detonierte eine Bombe in der Nähe und verletzte mich am Finger.

Warum haben Sie das Risiko auf sich genommen, in den Straßen zu musizieren?

Ich habe Musik studiert. Ich wollte die Leute unterstützen und habe angefangen, in der Straße Klavier zu spielen. Zu Anfang war es nur eine verrückte Idee. Dann hat ein Freund von mir gesagt, wir sollten es filmen und auf Youtube einstellen. Ich hatte keine Ahnung, was passieren würde und war nicht besonders erpicht darauf. Dann haben wir es einfach gemacht, Sie wissen, junge Männer, sie haben manchmal verrückte Ideen. Wir haben nicht erwartet, dass es diese Reaktion mit weltweitem Interesse geben würde. Ich saß in Jarmuk und plötzlich haben mich Leute aus der ganzen Welt kontaktiert und wollten wissen, wie es uns geht.

Wie war die Reaktion der Menschen in Jarmuk?

In der Zeit vor dem Krieg habe ich zusammen mit meinem Vater auf Hochzeiten gespielt. Wir hatten immer Leute bei uns im Geschäft, mit denen wir gesungen und Musik gemacht haben. Besonders die Kinder haben es geliebt, mit mir zu singen, wenn ich Klavier gespielt habe. Auch während der Belagerung haben wir uns getroffen und gesungen, mit Freunden oder Kindern. Ich glaube, das Singen hat ihnen ein bisschen Freude in ihr Leben gebracht.

Kämpfer des Islamischen Staats haben Ihr Klavier verbrannt. Können Sie schildern, was genau geschehen ist?

Zusammen mit meinem Vater wollte ich das Piano an einen sicheren Ort bringen. Wir wussten, dass der Islamische Staat Musik für Teufelswerk hält und wir wurden gewarnt, nicht mehr auf der Straße zu spielen. Es wurde zu gefährlich. Wir packten das Klavier auf eine Art Roll-wagen und bedeckten es mit einem Tuch. An einem Checkpoint wurden wir kontrolliert. Mein Vater antwortete statt meiner und sagte, es sei sein Instrument. Weil er blind ist, wagten es die Soldaten wohl nicht, ihm etwas anzutun. Aber sie verbrannten das Piano und sie drohten mir, mich zu töten, wenn sie mich noch einmal dabei sehen würden, wie ich Musik mache.

Danach entschlossen Sie sich zur Flucht?

Ja, das war wirklich der letzte Tropfen, der mich dazu brachte, mein Land zu verlassen. Aber schon vorher hatte ich immer weniger Kraft, auf der Straße zu spielen. Die Kinder haben mich immer gebeten, mit ihnen zu singen. Aber als Zainab direkt neben mir erschossen worden war, habe ich angefangen darüber nachzudenken, Syrien zu verlassen. Letzlich denke ich, dass die hässlichen Dinge, die ich erlebt habe, das Klavier schon vorher angezündet haben – die Verletzung meines Fingers, der Tod von Zainab.

Sie sind über die Balkanroute nach Deutschland geflohen. Wie sind Sie hier aufgenommen worden?

Die Menschen in Deutschland haben mich sehr freundlich aufgenommen. Ich habe sehr viel Hilfe und Unterstützung erhalten. Musiker, Künstler und andere Menschen haben mir mit Geld, Kleidung und einer Wohnung ausgeholfen und Konzerte organisiert, damit ich meinem Volk eine Stimme geben kann.

Wie ist es denn dazu gekommen, dass Sie hier so schnell Konzerte gegeben haben?

Als ich in Deutschland ankam, war ich über die Youtube-Videos gewissermaßen bekannt. Und die Leute, die mich kannten, haben mich sofort eingeladen, zu spielen. Viele Hilfsorganisationen haben mich gefragt, ob ich bei Konferenzen spielen könnte, oder ich wurde zu Festivals eingeladen.

Was möchten Sie mit Ihrer Musik erreichen?

Ich gehe von Konzert zu Konzert und erzähle unsere Geschichte, dass wir Frieden brauchen, dass wir an die Menschen denken müssen, die noch dort sind, dass wir nicht sagen sollten, dass das nicht unser Problem ist. Wir sollten helfen, die Menschen in Syrien zu unterstützen. Und die Leute in Deutschland, die Leute in Europa verstehen das. Ich komme gerade von einer zehntägigen Konzertreise aus Japan zurück, auch dort haben die Menschen die Botschaft verstanden.

Werden Sie nach Syrien zurückkehren?

Ich weiß wirklich nicht, ob mich das Regime in Syrien akzeptieren würde. Solange Assad an der Macht ist und solange die USA, Russland und die Türkei einen Stellvertreterkrieg führen, werden die Leute leiden und Frieden ist in weiter Ferne. Aber die Menschen in Syrien wollen Frieden, wollen, dass der Krieg endlich vorbei ist.

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