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Celle Ortsteile Streicheleinheiten und Peitschenhiebe
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Streicheleinheiten und Peitschenhiebe
10:06 22.02.2012
Albert Behrends an der Orgel der Gertrudenkirche. Quelle: Rolf-Dieter Diehl
Altencelle

Der pensionierte Kirchenmusikdirektor aus Stade präsentierte sich als erfindungsreicher Modulator, der die 20 Register der unter Denkmalschutz stehenden Furtwängler-Orgel mit ausgeprägtem Gestaltungsvermögen kombinierte. Seine Interpretationen changierten zwischen Intensitäten des zarten Sich-Aussingens bis zum überbordenden Klangrausch. Dabei beeindruckte er durch eine ungeheure dynamische und frische Spielweise, mit der er der Orgel eine faszinierende Lebendigkeit verlieh. Je nach musikalischem Duktus versetzte er die Tasten und Pedalen mal mit verzärtelnden Streicheleinheiten, mal mit vorwärtstreibenden Peitschenhieben.

Eindrucksvoll gelang ihm etwa die dramatische Ausdeutung des Notentextes von Bachs „Dorischer“ Toccata und Fuge in d-Moll. Bevor sie sich unter seinen Händen in strahlendes Dur auflöste und der Schlussakkord den Kirchenraum durchflutete, führte er die gebannt lauschenden Zuhörer in breitströmendem Tempo über die Gipfel und durch die Täler des spannungsreichen Verlaufs. In Mendelssohn Bartholdys viersätzigem Choral „Vater unser im Himmelreich“ und in Brahms’ ausgewählten Chorälen aus op. 122 wiederum fand das perlend-leichte Fingerspiel des Organisten in rauschenden Läufen und Tonkaskaden zu einer geglückten Synthese von Vitalem und tief Empfundenen, durchdrungen von Leidenschaft und Sensibilität. Dabei verströmte seine Musik eine meditative Innerlichkeit, ohne dadurch ins Sentimentale abzugleiten: Er versüßlichte die Stücke nicht, sondern gab ihnen Kontur.

Wunderschön entfaltete er auch seine Choral-Improvisationen, die von zart durchdringenden Flötentönen und sonoren Zungenstimmen geprägt waren: Er zerlegte die zuvor vom Publikum ausgewählten Lieder („Jesu meine Freude“, „Wer nur den lieben Gott lässt walten“) quasi in ihre Einzelteile, mit denen er sich sodann ebenso takt- wie fantasievoll beschäftigte, um sie schließlich wieder zu sinnenfrohen Klängen zusammenzufügen. Einfach schön.

Von Rolf-Dieter Diehl