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Celle Ortsteile Stunk wegen Rehkadaver in Boye
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Stunk wegen Rehkadaver in Boye
11:34 16.12.2016
Von Michael Ende
Boye

Die rote Politikerin ist auch Jägerin und hatte kürzlich Waidmannsheil. Marks erlegte ein Reh, zog ihm das Fell ab und hängte das samt Kopf in die Astgabel eines Baumes direkt an die Grundstücksgrenze zur Nachbersfamilie Wilga. „Wir waren schockiert, besonders für meine Frau und unseren Jungen war das ein unerträglicher Anblick. Knapp über dem Erdboden hängend, bei Tagestemperaturen um 11 Grad plus, roch das auch nicht gut und zog Ungeziefer wie etwa Ratten an“, so Harald Wilga. Marks habe das alles nicht interessiert. Schon länger schwelt ein Nachbarschaftsstreit zwischen Marks und Wilga, der auch schon Gerichte beschäftigt hat. Jetzt wandte sich Wilga an das Ordnungsamt Stadt Celle, an den Kreisjägermeister und das Veterinäramt des Landkreises.

„Erst der Besuch von Frau Mirjam Jasper vom Veterinäramt bei Frau Marks konnte sie dazu bewegen, den Tierkadaver zu entfernen, sagt Wilga. „Den Vorfall kann ich grundsätzlich bestätigen“, sagt Landkreis-Pressesprecher Christian Sonnenschmidt. Nach einem Hinweis habe man bei einer Kontrolle sowohl mit Wilga als auch Marks gesprochen: „Das Aufhängen der Haut und des Kopfes eines gesund erlegten Rehes wurde nicht als Verstoß gegen das Veterinärrecht eingestuft. Dennoch sah man hier die Gefahren des Anlockens von Schadnagern und Belästigungen durch Schmeißfliegen. Daher wurde Frau Marks dringend nahegelegt, das Material vom Zaun zu entfernen und zu entsorgen.“ Dies habe Marks unverzüglich getan: „Weiterhin will sie nach eigenem Bekunden zukünftig auf ein derartiges Vorgehen verzichten. Jagdrechtlich ist Frau Marks nach derzeitigem Kenntnisstand nichts vorzuwerfen.“

Jagdethisch aber schon, meint der Boyer Jagdpächter Günther Seiche, in dessen Revier Marks gejagt hat, bis er ihr die Erlaubnis dafür entzog. Auch zwischen diesen beiden stimmt die Chemie nicht. Seiche fürchtet, dass Marks‘ Umgang mit dem erlegten Wild die ganze grüne Zunft in Verruf bringt: „Der Vorfall hat sich sehr schnell in Boye herumgesprochen, und jetzt geht es nicht mehr nur um die eigenartige Verhaltensweise der Frau Marks, sondern um die Jäger. Dem Ruf der Celler Jägerschaft, der Frau Marks angehört, ist ein derartiges Gebaren sicher nicht zuträglich. Es gehört sich nicht, so respekt- und gedankenlos mit einer getöteten Kreatur umzugehen.“

Das meint auch Kreisjägermeister Hans Knoop: „Ich lehne ein Verhalten wie das von Frau Marks strikt ab. Wir als Jäger distanzieren uns von solchen Praktiken aufs Schärfste.“ Kadaver und Wildabfälle dürften auf befriedeten Bezirken nicht entsorgt werden, sagt Knoop und erklärt, wie man es richtig macht: „In dem Revier, in dem Wild erlegt worden ist, dürfen auch die Kadaver entsorgt werden, wenn keine Krankheiten vorhanden sind, um den Kreislauf wieder zu schließen.“

Seiche findet, dass die Aktion der Jägerin auch der Ortsratspolitikerin Marks nicht gut zu Gesicht stehe: „Der Skandal ist auch weniger die vergammelnde Rehdecke in der Baumgabel, sondern die bewusste Provokation von Nachbarn, ausgehend von einem Mitglied des Ortsrates Boye. Eigentlich sollte ein solches Mitglied im Ort doch Vorbild sein. Dieses Verhalten empört selbst die, die Frau Marks in den Rat gewählt haben.“

Diesen Schuh zieht sich Marks nicht an. Sie habe nicht absichtlich irgendjemanden belästigen wollen, sagt sie: „Ich habe wie immer, nachdem das Reh aus der Kühlung kam, es bei mir aus der Decke geschlagen und küchenfertig gemacht. Bei fünf Grad minus waren das auch gute Bedingungen.“ Kurz darauf habe sie einen schweren Verkehrsunfall gehabt und die Rehdecke „schlichtweg total vergessen“, weil die folgenden Tage bis jetzt mit Arzt- und Krankengymnastikbesuchen gefüllt gewesen seien. Nach „Anzeigen aus der Nachbarschaft und Umgebung“ hätten Behördenvertreter vor Ort keine Ordnungswidrigkeit feststellen können, so Marks: „Da auch die Temperaturen weit unter null waren, kam in diesen Tagen auch kein Geruch oder Fliegen auf. Selbst Raben und anderes Getier kommen an diese geschützte Stelle nicht hin.“

Laut den Aufzeichnungen des Wetterportals Wetter.com lagen die Temperaturen in Boye am 14. November, dem Tag, als Marks die Reh-Reste in den Baum hing, zwischen 4,1 Grad und -6 Grad. Fünf Tage später, als das Veterinäramt vorbei schaute, soll es zwischen 7,7 und 1,3 Grad warm gewesen sein. Wie warm der Kadaver in der Sonne wurde, ist nicht belegt. Das Corpus Delicti ist längst entsorgt. Dennoch bleibt das anrüchige Reh eine Zutat in der weiterhin brodelnden Boyer Gerüchteküche. Irgendwie unappetitlich.

Michael Ende