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Celle Ortsteile Theaterstück thematisiert Umgang mit Behinderten einst und jetzt
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Theaterstück thematisiert Umgang mit Behinderten einst und jetzt
21:07 09.05.2014
Frida (Mosa Anna Esse) entdeckt unter - den Hinterlassenschaften ihres - Großvaters brisante Aufzeichnungen. Quelle: Heike Rudolph
Celle-Heese

Wie Menschen mit Behinderungen während der NS-Zeit ihr Recht auf Leben verloren, wurde am Donnerstagabend mit dem Stück „Fridas Weg“ der Theaterwerkstatt Göttingen ebenso bewegend wie eindringlich in der Oberschule Celle I veranschaulicht.

Prominenter Gast dieser Auftaktveranstaltung war die Niedersächsische Kultusministerin Frauke Heiligenstadt. In eindrucksvoll mahnenden Worten erinnerte sie an die unerträglichen Zeiten, als „lebensunwertes Leben als Zielscheibe für Verfolgung und Vernichtung“ herhalten musste und ein „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in eine Zwangseuthanasie mündete.

„Fridas Weg“ befasst sich aus gegenläufiger Sicht mit dem Wert des Lebens: Als die körperlich gehandicapte Kunststudentin Frida (Mosa Anna Essel) gerade ihre erste Ausstellung vorbereitet, wird sie „aus heiterem Himmel“ von ihrer jüngeren Schwester Karla (Eva Marie Balkenhol) mit Aufzeichnungen ihres geliebten und kürzlich verstorbenen Großvaters konfrontiert, dem sie ihre Ausstellung widmen wollte. Zunehmend fassungslos blättert sie in den Papieren und muss ungläubig zur Kenntnis nehmen, dass dieser als junger Arzt während der NS-Zeit an der Kindereuthanasie beteiligt war. Neben Behandlungsnotizen, Gesprächsprotokollen und Tagebucheinträgen stößt sie auch auf Zeichnungen eines behinderten Mädchens, das damals vom Großvater „in einer Kinderfachabteilung ‚behandelt‘ worden“ war. Und mehr und mehr beginnt Frida bei der eingehenden Lektüre der Dokumente zu realisieren, dass ihr Leben in jener Zeit genauso gefährdet gewesen wäre. Eine schmerzliche Erkenntnis. Und zugleich wird der körperbehinderten Frida mehr und mehr bewusst, dass ihr Großvater an ihr lediglich die Verbrechen wiedergutzumachen suchte, die er als naiver junger Arzt an ähnlich behinderten Kindern angerichtet hatte.

Eindrucksvoll wurde in szenischen Rückblenden immer wieder dessen Spagat zwischen Skrupel und Pflichtbewusstsein vermittelt, wenn er wieder einmal ein Kind daraufhin untersuchen musste, ob es „in der Lage“ sei, „für das Deutsche Reich von Nutzen zu sein“. Thomas Hof spannte in seiner Doppelrolle als NS-Arzt (im Rückblick) und als mit Frida befreundeter Medizinstudent Jannis einen gelungenen Bogen zur Gegenwart: Jannis’ Hausarbeit zum Thema „Präimplantationsdiagnostik“ führt zu mitunter heftigen ethisch-moralisch geprägten Wortwechseln. „Ich bin gerne auf der Welt“, ereifert sich Frida, ihrer Behinderung trotzend, „und mich macht es krank, dass mich irgendein Arzt aussortieren könnte.“

Derart angeregt wurde in der anschließenden Gesprächsrunde mit dem Publikum, an der auch Ministerin Heiligenstadt bis zum Schluss teilnahm, neben der „transgenerativen Belastung“ (Regisseurin Dorothea Derben) immer wieder auch der zwischenmenschlich erkenntnisreiche Lernprozess von der einstigen „Vernichtung“ über die zwischenzeitliche „Separation“ bis zur heute angestrebten „Inklusion“ gesundheitlich gehandicapter Mitmenschen in den Fokus gerückt.

Entrechtung als Lebenserfahrung

In der Oberschule Celle I wurde das Modulare Qualifizierungsprogramm „Geschichte ist nicht von gestern; Entrechtung und Menschenrechte in Vergangenheit und Gegenwart“ des Projekts „Entrechtung als Lebenserfahrung“ der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten eröffnet. „Ein Projekt, dessen Zielsetzung im Rahmen neuer Wege der Geschichtsvermittlung die kontinuierliche Entwicklung innovativer Bildungsangebote der menschenrechtsorientierten historisch-politischen Bildung ist“, wie Projektleiterin Leyla Ercan erläuterte.

Von Rolf-Dieter Diehl