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Celle Ortsteile Unfrieden um Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Celle
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Unfrieden um Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Celle
18:09 24.07.2017
Von Andreas Babel
Celle

Herr Stier, Sie sind nach 32-jähriger Mitgliedschaft und 20-jährigem Vorsitz aus der Celler Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit ausgeschieden. Können Sie mit einjährigem Abstand sagen warum?

Ja, das Vertrauen des Vorstandes wurde mir entzogen. Aus dem Vorstand heraus wurden mir gegenüber unhaltbare Anschuldigungen vorgebracht, die zutiefst verletzend waren, beleidigende persönliche Verunglimpfungen: der Vorwurf des Antisemitismus, der Thoraschändung und der Beleidigung von Holocaustopfern, wobei hier auch die anwesenden Mitglieder der Gesellschaft als kalt und feindselig beschimpft wurden. Damit war eine gemeinsame Arbeit für die Gesellschaft nicht mehr möglich.

Die Gesellschaft ist in Ihrer Amtszeit von 120 auf mehr als 200 Mitglieder gewachsen, woran lag das Ihres Erachtens?

Dies lag unzweifelhaft an einer sehr engagierten, auf Versöhnung zwischen den beiden Religionen ausgerichteten Arbeit in der Gesellschaft, zu der ich meinen Beitrag in über drei Jahrzehnten zu leisten versucht habe. Sie hat in der Bevölkerung erkennbar eine positive Resonanz und Anerkennung gefunden. Viele Mitglieder sind eingetreten, weil ich sie persönlich angesprochen und überzeugt habe.

Erst vor wenigen Tagen gab es von meinen Kritikern eine Aussage, die eigentlich das ganze Spannungsverhältnis ausdrückt. Einerseits wurde das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum als asymmetrisch dargestellt – die Juden bräuchten die Christen nicht, aber die Christen die Juden – und andererseits ein Gespräch auf Augenhöhe erwartet, aber das ist schlicht unmöglich.

Es hat auch wichtige Veranstaltungen gegeben. Ich habe mich unter anderem bemüht, Avi Primor zu gewinnen, auch Ignatz Bubis und Ralph Giordano. Die Besucher kamen nicht nur aus dem Bereich der Mitglieder, sondern aus der ganzen Stadt und auch aus Hannover. Es waren sehr gut besuchte Veranstaltungen.

Was bedeutet Ihnen die Stolperstein-Aktion, die in Zusammenarbeit mit dem Künstler Gunter Demnig darin mündete, dass 57 Steine zum Gedenken an Celler Juden verlegt worden sind?

Bei der ersten kleinen Gedenkfeier vor der Synagoge sagte der Sohn aus der Familie Feingersch, heute Eyal, sehr bewegend: „Liebe Eltern, endlich ist hier ein Ort, an dem mein Gedenken an Euch möglich ist – bisher hatte ich nur Erde mit Asche aus Auschwitz.“

Die Verlegung der sogenannten „Stolpersteine“ vor den Häusern der ermordeten Bürger aus Celle, war und ist ein ganz wichtiges Zeichen des Erinnerns und Gedenkens, aber auch der Versöhnung. Eli Eyal, in seiner Heimat zweifelnd gefragt, warum er so oft nach Celle reist, zu den schlimmen Deutschen, antwortete – für mich anrührend: „Ich reise zu Freunden.“
Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit hat sich sehr darum bemüht, die Stolpersteine im öffentlichen Raum in Celle verlegen zu können, auch wenn es nicht unumstritten war. Noch heute bin ich der damaligen Stadtverwaltung dankbar, dass sie als erste Stadt in Niedersachsen unsere Initiative unterstützt und mitgetragen hat.

Sollte sich die Gesellschaft auch mit anderen Religionen wie dem Islam und dem in Celle so wichtigen Ezidentum beschäftigen und sich Angehörigen dieser Religionen öffnen?

Das kann ich einerseits bejahen, andererseits ist das ein weiter Weg. Auf Grund der zweitausendjährigen Geschichte zwischen Judentum und Christentum, die mehr als wechselvoll und belastet ist, könnte eine Erweiterung der Arbeit der Gesellschaft auf andere Religionen das einmalige und als besonders zu bezeichnende Verhältnis zwischen Juden und Christen nur relativieren. Das ist eine ernst zu nehmende Befürchtung. Sinnvoll dagegen wäre es, in einer anderen Form den interreligiösen Dialog mit anderen, so auch mit den Eziden und Muslimen zu führen. Wir haben schon mit gemeinsamen kulturellen Veranstaltungen und Begegnungen begonnen – ich habe an ezidischen Festen in deren Zentrum teilgenommen – und in der Stadtkirche haben sich anlässlich einer Ausstellung die Religionen, die in Celle vertreten sind, vorgestellt. In Hannover habe ich den „Rat der Religionen“ und das „Haus der Religionen“ mitgegründet – das wäre auch in Celle eine Möglichkeit.

Die kleine jüdische Celler Gemeinde ist in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit vertreten – ist die jüdische Gemeinde in der Öffentlichkeit Ihrer Meinung nach genügend präsent oder gibt es Verbesserungspotenzial?

Da ist ein schwieriger Punkt angesprochen, denn das geht nur mit einer Öffnung nach außen. Wer aber unter sich bleiben will, kann in der Öffentlichkeit nicht präsent sein, doch das mag die Gemeinde selbst entscheiden. Die Menschen in Celle haben ein Interesse, auch spirituell, die jüdische Gemeinde näher zu kennen. Da ein freier Zutritt zu den Gottesdiensten der Gemeinde nicht recht ist – ein „Zooeffekt“ entstünde, ein unpassendes Wort für die Besucher wie die Gemeindemitglieder – und die Vorsitzende sich als nicht religiös bezeichnet, entfällt ein wichtiges Thema: die Religion. Dennoch: Die Synagoge muss ein offenes Zentrum der Begegnung bleiben, um junge Menschen, Menschen aller Generationen mit dem geistig Verbindenden vor Ort in diesem beeindruckenden Raum vertraut machen zu können.

Wie kann es gelingen, mehr Jugendliche für den jüdischen Glauben, jüdische Gebräuche und für die Celler Synagoge zu interessieren?

Die Synagoge in Celle bietet für den erfahrungsorientierten Unterricht ideale Möglichkeiten. Ich habe sicherlich selbst einige hundert Führungen gemacht, hebräische Lieder gesungen und mit sehr aufmerksamen Jugendlichen gesprochen. Dreißigmal bin ich nach Israel gereist, oft mit Jugendlichen. Gemeinsam mit der Berufsschule habe ich mit mehr als 1200 Jugendlichen einen Gang durch die Stadt an den Stolpersteinen entlang gemacht. Die Jugendlichen haben Hinweisschilder mit den Biographien der Ermordeten aufgestellt und sind mit Passanten ins Gespräch gekommen. Das und vieles andere ist geschehen, was jedoch immer noch mehr sein kann.

Die Synagoge kostet die Stadt Celle einiges an Zuschussbedarf. Haben Sie einen Vorschlag, wie diese finanzielle Frage dauerhaft gelöst werden könnte?

Wir haben stets eine Dose für Spenden aufgestellt, auch für die Synagoge. Auch die Kirchen haben ja das Problem. Mir erscheint eine Kostenaufstellung nur dann fair, wenn man positiv errechnet, wie viele Touristen gerade oder besonders wegen der Synagoge, der ältesten in Niedersachsen, nach Celle als Gäste kommen mit allen finanziellen Aufwendungen, die die Gäste in Celle ausgeben. Ein Eintritt erscheint mir für Kirchen wie für Synagogen als Hürde, zumal beide Räume für religiöse Menschen ein Raum des Gebetes und des Gedenkens sind – durchbetete Räume, die Synagoge sicherlich dazu ein durchklagter Raum – mit freiem Zutritt. Das sollte uns die Synagoge wert sein. Ich habe viele Menschen mit einer großen Spendenbereitschaft getroffen, wenn ich sie angesprochen habe – etwa für die wunderschönen Repliken der Kultgegenstände.

Es gab vor und nach Ihrem Ausscheiden einige Anschuldigungen, die man von gläubigen Menschen nicht erwarten sollte – haben sich die Wogen mittlerweile wieder geglättet?

Auch bei der jüngsten Mitgliederversammlung ist es wieder – wie vor einem Jahr – zu Anwürfen auch persönlicher Art gekommen. Schon einmal wurde mir aus dem Vorstand geschrieben, ich gehörte einer Kirche an, die sich nie von Luthers Antisemitismus distanziert habe, womit ich selbst als Antisemit angesehen werde. Jemand, der den Dialog wirklich will, kann den Reformator Martin Luther nicht auf seine antisemitischen Äußerungen reduzieren, kann der protestantischen Kirche nicht ernsthaft vorwerfen, dies nicht ausreichend thematisiert und sich davon distanziert zu haben, kann weder mir noch den christlichen Mitgliedern in der Gesellschaft Missionierungswillen oder eine dominante, dem Judentum gegenüber „feindselige Haltung“ unterstellen.

Das alles ist höchst bedauerlich und trägt nicht zur Wogenglättung bei. Meine Arbeit an diesem gewaltigen und auch wunderbaren Thema der Versöhnung wird als meine Lebensaufgabe nie enden. Auch in Zukunft werde ich mich auf allen mir zur Verfügung stehenden Ebenen dafür engagieren. Das Thema ist viel zu wichtig, als dass es von der Mitgliedschaft in einem Verein beziehungsweise der Gesellschaft abhängig sein sollte. Gerade im Hinblick auf die jüngsten weltweiten Entwicklungen und Tendenzen ist das Thema Glaubenstoleranz und -verständnis aktueller denn je. Hier wird jeder mit vollem Einsatz gefordert sein und dem werde ich mich auch in Zukunft stellen.

Sie sind Judentumsbeauftragter des Evangelisch-lutherischen Kirchenkreises Celle – wie verfolgen Sie ihr Lebensthema weiter, nachdem Sie der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit den Rücken gekehrt haben?

Mir wurde von der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde mitgeteilt, dass das Programm unter meiner Leitung religionslastig sei, gemeinsame Gottesdienste seien „Heititei“ und der Kirchenkreis Celle führe Krieg gegen die Jüdische Gemeinde. Das hat mich tief erschreckt und ich habe mehr als einmal um eine Mediation gebeten – gleich unter welcher fachlichen Leitung. Das wurde strikt abgelehnt. Zwar gab es einen Versuch, doch keiner der hier in diesem Interview genannten Vorwürfe gegen mich persönlich wurde zurückgenommen. So werde ich mich als Judentumsbeauftragter eben da einsetzen: zu gemeinsamen Andachten einladen, im Sinne des Jüdischen Lehrhauses Texte miteinander lesen, Exegese betreiben, das Judentum zu verstehen suchen, um damit auch das Christliche besser zu verstehen.

Was wünschen Sie sich persönlich im Hinblick auf die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Celle und drumherum?

Ich wünsche mir, dass niemand wegen dieser Querelen aus der Gesellschaft austritt. Damit ist nichts Konstruktives gewonnen. Dass meine Frau und ich ausgetreten sind – austreten mussten – ist etwas anderes. Vielleicht möchte sich die Gesellschaft – nicht allein der Vorstand – umorientieren. Die Freiheit muss sein, doch nur, wenn sich durch Information ein Wille bilden kann. Vielleicht muss auch das Verhältnis von Juden und Christen neu überdacht werden.

Ich habe dann den einfachen Wunsch, die Gesellschaft möge zu dem in ihrer Satzung festgelegten Auftrag zurückkehren. Ich zitiere: „Zweck der Gesellschaft ist es, die Beziehungen zwischen Christen und Juden im Geiste der Toleranz zu pflegen, in der Öffentlichkeit Kenntnis des Judentums und des Schicksals der Juden zu verbreiten und dem Antisemitismus entgegenzutreten.“ Die Vorgänge der jüngsten Zeit zeigen das Gegenteil.

Was meinen Sie damit?

Ich bin nicht als Pastor vor 33 Jahren mit dem Auftrag von meiner Kirche in die Gesellschaft eingetreten, etwa die Synagoge für die Kirche in Besitz zu nehmen, wie mir unterstellt, wird. Pastor ist mein Beruf, doch erst mit dem nun neuen Vorstand ist mir das zum Vorwurf gemacht worden mit all‘ den geschilderten Beleidigungen. Ich wünsche mir ein gutes Miteinander von Jüdischer Gemeinde und der Kirche, wie ich es aus Hannover kenne und worin ich verantwortlich mitgearbeitet habe, vertrauensbildend und voller Achtung untereinander. In Hannover ist eine ehemalige evangelische Kirche (auch mit Hilfe der Kirche) in eine wunderschöne Synagoge umgewandelt worden.

„Dem anderen seinen Glauben glauben“ ist eine grundsätzliche Voraussetzung für die interreligiöse Arbeit. Das wünsche ich mir für Celle. Eine Arbeit, die vom Vertrauen zu einander getragen wird, bei dem niemand für sich etwas fordert, sich nicht absolut setzt und keinen Sonderstatus fordert, sondern im Sinne J. F. Kennedys nur danach fragt, was er für die Versöhnung und das beiderseitige Miteinander in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit leisten kann. Dass dies‘ wieder erreicht wird, ist mein größter Wunsch.