Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Ortsteile Urtümliche Weide ist weltweit bekannt
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Urtümliche Weide ist weltweit bekannt
12:09 18.07.2018
Quelle: Anke Schlicht
Hornbostel

Wild wirken die Tiere nicht, eher zahm, kein bisschen scheu, zutraulich und freundlich gucken sie sich die Szenerie vor ihnen an: Eine große Gruppe erwartungsvoller und wissbegieriger Menschen – teilweise mit kleinem technischen Gerät, aber nichts Essbarem in der Hand – drängeln sich vor der Absperrung aus Holz, um einen Blick auf sie zu werfen. Dietmar Lutz hat Glück, einen Platz ganz vorne zu ergattern. Er ist einer von rund 40 Erkundern der Hornbosteler Hutweide.

„Ich habe schon so viel gehört und gelesen über die Hutweide, und nun möchte ich sie sehen“, nennt er als Motiv für seine Teilnahme und ist damit stellvertretend für den Rest des „großen Trupps“, wie der Exkursionsleiter Michael Kosinowski die Gruppe nennt. Die insgesamt 176 Hektar große, im Jahr 2004 in ein Naturschutzgebiet umgewandelte „Hornbosteler Hutweide“ ist bekannt – selbst in der Mongolei. Dietmar Lutz staunte nicht schlecht, als er während seines Aufenthaltes dort einen Hinweis auf Celle vernahm. Das zur Gemeinde Wietze gehörende, in einer Allerniederung gelegene Areal wartet mit tierischen Besonderheiten auf: 75 Hektar sind als Beweidungsprojekt ausgewiesen und alleine den Heckrindern und Przewalski-Pferden vorbehalten. Die Letzteren stammen ursprünglich aus der Mongolei, galten dort aber seit 1969 als ausgestorben, wurden jedoch mit Hilfe europäischer Zuchtprogramme in ihrer Heimatregion wieder ausgewildert. „In Asien haben wir sie in freier Wildbahn nur von Weitem sehen können, sie waren sehr scheu“, berichtet Lutz. Nein, enttäuscht ist er nicht. „Das sind Urpferde“, sagt er, für ihn hat sich die Exkursion schon jetzt gelohnt. Für diejenigen, die nur wegen der Heckrinder, einer Rückzüchtung des im Jahr 1627 ausgerotteten Auerorchsen, gekommen sind, sieht dieses allerdings anders aus.

Die Teilnehmer haben die kurzmähnigen Vierbeiner in ihren digitalen Alltagshelfern verewigt und drängen sich nun linksseitig am Zaun, um die zweite Attraktion zu bestaunen. Aber die gehörnten Schwergewichte machen nicht mit, sie verweilen in zirka 100 Metern Entfernung. Exkursionsleiter Michael Kosinowski, der die Führung im Auftrag der Gemeinde Wietze vornimmt, ist nicht glücklich über die mangelnde Kooperation, aber machtlos: „Pferde und Rinder laufen üblicherweise immer zusammen“, erläutert der Geologe. Kein Zaun trennt die kleinen Herden.

Die Przewalskis sind nicht sehr wählerisch, sie fressen auch das trockene Gras, ihre Gefährten nur das grüne. Den Rindern gefällt es in Hornbostel, sie vermehren sich prächtig. Nachwuchs ist bei den neun Przewalskis kein Thema, es sind ausschließlich Stuten. „Die Hengste sind zu wild, die würden über die Zäune gehen“, liefert Kosinowski die Begründung. Beide Tierarten verfügen über einen ausgeprägten Herdentrieb, und so ist es denn auch kein Wunder, dass nicht eines der grasenden Rinder ausschert. Das geduldige Warten darauf ist jedoch nicht vergebens, denn es gibt Anlass für den Blick in die Landschaft, die die eigentliche Attraktion darstellt.

„Früher trieben die Bauern eines Dorfes ihr Vieh gemeinschaftlich in die Umgebung des Ortes“, erläutert Kosinowski. Es gab keine umzäunten Weiden, die Tiere wurden von einem Hüter begleitet. Sie fraßen je nach Art und Jahreszeit Gras, Blätter, Rinde, dünne Zweige und auch die nachwachsenden Bäume. War ein Baum von einem dornigen Gewächs umringt, blieb er verschont, der Grund, weshalb auch auf der Wanderung immer wieder einzelne und von unten gleichmäßig verbissene Eichen zu entdecken sind.

Es entstanden abwechslungsreiche, offene Kulturlandschaften, die typisch für ganz Norddeutschland waren. Heute gibt es nur noch wenige Flächen dieser Prägung. Das Hornbosteler Naturschutzgebiet ist die letzte Hutelandschaft im Landkreis Celle. „Aber wie pflegt man so ein Areal heute?“, fragt der Leiter rhetorisch. Die Antwort lautete ab 2009: Mit robusten pflanzenfressenden Weidetieren, die das ganze Jahr über draußen sein können. Während der Geologe ein kleines Waldstück zeigt, in dem sich die Vierbeiner bevorzugt im Winter aufhalten, fällt aus der kenntnisreichen Gruppe der Interessierten der Ausdruck „Dynamik“. Im Zusammenhang mit Natur hat sie die Bedeutung einer naturnahen Landschaft in Bewegung.

Nichts ist glatt und gerade, Trittspuren schaffen Kuhlen, die manche Lebeweisen benötigen, Ufer werden gelichtet, selbst in schneereichen Wintern scharren die Przewalskis auf der Suche nach Nahrung den Boden frei. Auf diese Weise steigt die Artenvielfalt, fast ausgestorbene Pflanzen, Insekten und Vögel sind in der Allerniederung wieder anzutreffen. „Dass der Neuntöter sich hier wieder angesiedelt hat“, beeindruckt Detlev Meyer am stärksten. Er und seine Frau Ute sind vollends zufrieden mit der Wanderung. „Wir gehen jetzt mit anderen Augen durch diese Landschaft, achten viel mehr auf Einzelheiten“.

Sie wird erhalten bleiben, und dennoch: „Wir befinden uns derzeit in einem Umbruch“, sagt Philip Daniel von der Gemeinde Wietze im Hinblick auf die Zukunft des für die Region touristisch wichtigen Gebietes. Wer die Heckrinder und Przewalskis sehen möchte, sollte mit einem Ausflug nach Hornbostel nicht allzu lange warten, denn sie sind Teil des Beweidungskonzeptes des bisherigen landwirtschaftlichen Pächters. Die Hutweide steht zur Neuverpachtung an, die Bewerbungsfrist beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN), der das Areal verwaltet, endete im Juni. Das NLWKN teilt mit, Gespräche mit ausgewählten landwirtschaftlichen Betrieben seien für Anfang August geplant: „Mit recht hoher Wahrscheinlichkeit wird es nach derzeitigem Stand keine Fortsetzung der Beweidung mit Heckrindern und Przewalskis geben“.

Von Anke Schlicht