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Celle Ortsteile Viele Schuldner suchen zu spät Hilfe
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Viele Schuldner suchen zu spät Hilfe
17:39 23.06.2017
Von Gunther Meinrenken
Maria Reckers vom Caritas Verband Celle Stadt und Land am 21.06.2017 in ihrem Büro am Celler Bullenberg. Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Frau Reckers, wie viele Menschen suchen pro Jahr ihren Rat?

Wir arbeiten in der Schuldnerberatung mit drei Mitarbeitern. Jährlich führen wir etwa 800 Gespräche mit etwa 300 Betroffenen aus der Stadt und dem Landkreis Celle. Die Kontakte bewegen sich konstant auf diesem hohen Niveau.

Was sind das für Menschen, die zu ihnen kommen?

Die Betroffenen kommen aus allen möglichen Schichten. Darunter sind ALG II Bezieher, auch unter Hartz-IV-Empfänger bekannt, ebenso wie Menschen aus der Mittelschicht, die zum Beispiel arbeitslos geworden sind. Teenager, deren Handyrechnungen sich aufgetürmt haben, Alleinerziehende und Personen, bei denen durch einen Todesfall oder Trennung vom Partner der Hauptverdiener weggefallen ist, Betroffene mit Suchtproblemen und auch Leute, die einmal viel Geld verdient haben und dann abgerutscht sind, etwa durch eine schwere Krankheit. Eine Problemgruppe, bei der wir in den vergangenen Jahren einen Anstieg bemerken sind Rentner und Senioren, die von Altersarmut betroffen sind. Die Summen, von denen wir hier bei Verschuldung bzw. Überschuldung reden bewegen sich zwischen ein paar hundert Euro bis zu 50.000 Euro.

Wie helfen Sie den Betroffenen?

In den meisten Fällen fangen wir erst einmal ganz akut mit der Existenzsicherung an und zeigen unter anderem auf, wo es finanzielle Hilfe gibt. Erst dann kümmern wir uns um die Schuldenregulierung, sprechen etwa mit Gläubigern und Banken. Ein großes Problem dabei ist es, sich erst einmal gemeinsam mit dem Betroffenen einen Überblick über ihre finanzielle Situation zu verschaffen. Viele überschuldete Menschen wissen über ihre Lage auch nicht vollständig Bescheid, haben Briefe weggeworfen oder nicht geöffnet. Die Recherche nach Gläubigern kann in einigen Fällen schon einmal ein paar Monate in Anspruch nehmen.

Woran orientieren Sie sich bei der Beratung?

Die meisten Betroffenen kommen leider sehr spät zu uns, erst wenn ihnen alles über den Kopf gewachsen ist und sie das Gefühl haben, allein nicht mehr weiter zu kommen. Ich kann nur appellieren, so früh wie möglich eine Beratungsstelle aufzusuchen, wenn die ersten Mahnungen kommen, die nicht mehr bezahlt werden können. Der Schwerpunkt unserer Arbeit liegt darin, den Betroffenen wieder auf die Beine zu helfen, dass sie hier rausgehen und sagen "Jetzt habe ich mein Leben wieder im Griff". Das kann unterschiedlich lange dauern. Es gibt viele Betroffene, die wir über mehrere Jahre begleiten.

Bei der Aktionswoche Schuldnerberatung wollen Sie Erfahrungen aus der Beratungspraxis als Forderungen an die Politik formulieren. Was sind die wichtigsten?

Das Netz der gemeinnützigen Schuldnerberatungen müsste bundesweit und bedarfsgerecht ausgebaut werden, vor allem im ländlichen Raum. Dabei müssen die Einrichtungen personell und materiell ausreichend ausgestattet werden. Der Schutz der überschuldeten Menschen muss gestärkt werden, etwa durch die Weiterentwicklung des Pfändungsschutzkontos. Auch benötigt die Politik eine ganzheitliche Strategie, die Armut von Kindern und Jugendlichen zu bekämpfen. Der Kostenanteil für Strom bei der Grundsicherung und Hartz IV muss höher bemessen werden. Hier gibt es immer wieder Probleme. Bei größeren Reparaturen oder Anschaffungen kann es nicht sein, dass die Betroffenen auf Finanzierungsangebote oder Darlehen der Jobcenter angewiesen sind. Das ist kontraproduktiv. Und letztlich brauchen wir eine andere Regelung bei der Krankenversicherung. Wer seine Beiträge nicht mehr zahlen kann, hat nur noch Anspruch auf eine Basis- beziehungsweise Notfallversorgung. Das ist untragbar, eine Regelversorgung sollte möglich gemacht werden.