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Celle Ortsteile Von Chemnitz nach Wolthausen: Die Geschichte des letzten DDR-Flüchtlings
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Von Chemnitz nach Wolthausen: Die Geschichte des letzten DDR-Flüchtlings
08:25 08.11.2014
Von Simon Ziegler
Mario Wächtler, der wohl letzte Flüchtling der DDR. Quelle: Alex Sorokin
Wolthausen

Wächtlers Geschichte ist äußerst dramatisch. Der Chemnitzer ist 24 Jahre alt, als er sich zur Flucht entschließt. Nicht mal den eigenen Eltern erzählt er davon. Um 20.30 Uhr steigt er westlich von Wismar in die Ostsee – und schwimmt und schwimmt und schwimmt. "Ich bin mit Umwegen 36 Kilometer geschwommen", hat er danach ausgerechnet. Gegen 15.45 Uhr am nächsten Tag wird er von einem Passagier der westdeutschen Fähre Peter Pan entdeckt, die vom schwedischen Trelleborg nach Travemünde unterwegs ist. Das Riesenschiff macht kehrt, woraufhin die Grenzschützer auf die Rettungsaktion aufmerksam werden. Sie steuern auf Wächtler zu, ein regelrechtes Wettrennen beginnt. Die Peter Pan lässt ein Rettungsboot herunter, er ist in Sicherheit. 1500 Passagiere klatschen Beifall. Wächtler verliert das Bewusstsein.

Die Passagiere sammeln Geld für ihn. "8000 Mark in sechs bis sieben Währungen kamen zusammen, das war mein Startkapital im Westen", sagt er. Wächtler kommt ins Krankenhaus, aber schon am nächsten Tag wird er entlassen, "ich hatte ja nichts".

Ihn zieht es in den Raum Hannover, Altwarmbüchen und Isernhagen, wo er Verwandschaft hat. Schon 1990 kauft er in Wolthausen ein Grundstück, das als Spekulationsobjekt gedacht ist. Doch Winsen gefällt ihm, 1994 zieht er in eine Mietwohnung, 1998 baut er in Wolthausen. Bis heute arbeitet Wächtler selbstständig, er leitet einen privaten Krankentransport mit 40 Angestellten.

Im September 1989 sei in Chemnitz von der bevorstehende Wende noch nichts zu merken gewesen, erinnert er sich. "Das ging alles los, als ich schon hier war." Er weiß, dass er bei seiner Flucht eine Menge Glück hatte. "Es gab nur drei Möglichkeiten: Ich schaffe es, ich werde erwischt oder der Körper spielt nicht mehr mit." Mit dem Kapitän der Peter Pan ist er heute noch in Kontakt.