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Celle Ortsteile Vorbild für Integration: Familie Ilic aus Belgrad möchte in Winsen bleiben
Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Vorbild für Integration: Familie Ilic aus Belgrad möchte in Winsen bleiben
12:53 19.11.2014
Gespräch mit Flüchtlingen für Serie Quelle: Benjamin Westhoff
Winsen (Aller)

Der Asylantrag der serbischen Familie Ilic wurde abgelehnt. Doch sie kämpft darum, hier bleiben zu dürfen. „Uns geht es hier sehr gut. Wir sind gut in Winsen angekommen“, sagt Vater Borko Ilic. Das bestätigt auch die Integrationsbeauftragte der Gemeinde Winsen, Karina Ibrahimova. „Einen Tag nachdem sie hier angekommen ist, hat seine Frau Tamara gleich bei unserem Fahrrad-Kurs mitgemacht. Da konnte sie keiner von abhalten“, erinnert sie sich.

Doch die spezielle Problematik der serbischen Flüchtlinge ist der kürzlich gefasste Beschluss des Gesetzgebers, wonach Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina als sichere Herkunftsländer eingestuft wurden. Als Grund für dieses Gesetz wird der sprunghafte Anstieg der Asylanträge von Staatsbürgern dieser Länder angegeben. Dieser werde seit der Aufhebung der Visumpflicht im Jahr 2009 für Mazedonien und Serbien sowie 2010 für Bosnien-Herzegowina verzeichnet, heißt es.

Gut ein Fünftel (20,3 Prozent) aller Erstanträge stammt 2014 von Bürgern Serbiens, Mazedoniens und Bosnien-Herzegowinas. Fast alle sind Roma. „Durch die zahlreichen, zumeist aus nicht asylrelevanten Motiven gestellten Asylanträge werden Bund, Länder und Kommunen mit erheblichen Kosten für die Durchführung der Verfahren und für die Versorgung der sich in Deutschland aufhaltenden Asylsuchenden belastet“, heißt es in der Gesetzesvorlage. Dies gehe zulasten der tatsächlich schutzbedürftigen Asylsuchenden.

Ilics Töchter Zorica (8 Jahre) und Isidora (5 Jahre) wissen noch nichts über Gesetze und Aufenthaltsbestimmungen. Sie gehen in Winsen zur Schule und in den Kindergarten. Am Montag wurden sie von ihren Freundinnen zum Martinssingen mitgenommen. Den Text hat die Mutter zusammen mit ihnen geübt. „Ich finde es gut hier und habe auch Freunde“, sagt Zorica, die schon gut Deutsch spricht.

Die Familie versucht sich zu integrieren und möchte nicht nur die Vorteile eines Lebens in Deutschland abgreifen, sondern ein Teil davon sein. In ihrem Heimatland Serbien haben sie nie so richtig dazugehört. Als Roma waren sie in der Gesellschaft immer außen vor. „Meine Tochter wurde in der Schule nicht respektiert und nicht so gut unterrichtet wie andere Schüler“, sagt Ilic. Hier wird die Achtjährige wie alle anderen beschult.

Wenn Ilic von der Diskriminierung, die er als Roma in Serbien erfahren hat, erzählt, wird der 29-Jährige sehr nachdenklich. Er kann diese Haltung gegenüber seiner Minderheit nicht verstehen. „Wir wollen doch auch nur ein gutes Leben führen“, wünscht er sich.

Doch ein weiterer Aspekt der Einstufung Serbiens als „sicher“ ist, dass die Roma zwar diskriminiert, aber nicht systematisch verfolgt werden. Während in den EU-Ländern Ungarn, Slowakei, Tschechien, Frankreich oder Griechenland brutale Angriffe gegen diese Bevölkerungsgruppen von der Polizei geduldet werden, sind solche Anschläge in Serbien eher unbekannt.

Trotzdem sah Ilic in seinem Heimatland keine Zukunft für seine junge Familie. Ausgegrenzt von der Gesellschaft, nur mit einem einfachen Schulabschluss und ohne Arbeit, wusste er nicht weiter. Also stiegen sie in einen Bus Richtung Deutschland. „Ich bin für meine Kinder hergekommen, um ihnen eine gute Perspektive zu geben. Alles ist hier viel besser“, erklärt er.

Die Reise soll unproblematisch gewesen sein. Angekommen in Dortmund, stellten sie einen Asylantrag. Dann ging die Reise weiter nach Braunschweig, Bramsche und schließlich sind sie in Winsen gelandet, wo sie eine Drei-Zimmer-Wohnung bezogen haben.

Und dort hat der Familienvater ein für ihn wichtiges Ziel erreicht: Er arbeitet. In Belgrad musste sich der 29-Jährige so durchschlagen. Einen richtigen Beruf hat er nicht gelernt, kein Betrieb wollte ihn haben. Und auch bei der Jobsuche wurde er laut eigenen Angaben nie wirklich ernst genommen. Hier in Deutschland hat er zwar keine Arbeitserlaubnis, doch zumindest eine Beschäftigung beim Museumshof.

„Wenn er nicht beim Deutschkurs ist, kommt Borko jeden Vormittag“, sagt Hille Pfannenschmidt vom Museumshof. Er und zwei weitere Flüchtlinge werden als „Ein-Euro-Jobber“ beschäftigt. Neben der Abwechslung im oft tristen Alltag der Schutzsuchenden kommen sie so auch mit Winsern in Kontakt. „Unsere Gespräche drehen sich oft ums Essen. Wir haben viel gemeinsam – Kohlrouladen zum Beispiel“, sagt Pfannenschmidt, die sich gerne die Zeit nimmt und mit ihren Helfern zusammensitzt. Besonders beeindruckt ist sie davon, wie gut Ilic schon Deutsch spricht.

Gerne würde Ilic mehr arbeiten und seine Familie selbstständig ernähren. Aktuell kümmert er sich aber um ihren Verbleib in Deutschland. Denn das ist die große Hoffnung der Familie. Die Angst abgeschoben zu werden ist groß. Einen Plan B haben sie nicht. Deswegen klagt der Vater gegen die Ablehnung des Asylantrags. „Das bedeutet großen Stress. Jeden Tag fragen wir uns: Was machen wir jetzt?“, sagt er.

Seine Frau Tamara Vasic ist schwanger. Sie ist sehr glücklich in Winsen und geht regelmäßig zum Deutschkurs. Über eine möglich Rückkehr nach Belgrad möchte sie nicht nachdenken. Das Kind soll im April kommen. „Bis dahin können sie nicht abgeschoben werden, aber wenn das Baby da ist, dann schon“, erklärt Integrationsbeauftragte Ibrahimova, die die Familie unterstützt.

Auch Bürgermeister Dirk Oelmann setzt sich für die serbische Familie ein. Er hat einen Brief an das Bundesamt für Integration geschrieben, in dem er sie als ein Vorbild für Integration bezeichnet. Jetzt können die Flüchtlinge nur noch warten.

Von Johanna Müller