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Celle Aus der Stadt Celle Ortsteile Weihnachten ohne Papa
11:24 23.12.2016
Celle

„Ich kann es immer noch nicht wirklich glauben“, sagt Roswita Lomeyer. Wenn ich morgens aufwache, fühlt es sich an wie ein schlimmer Traum. Ich lange dann rüber, auf seine Bettseite, und da ist niemand. Am liebsten würde ich die Augen wieder zumachen und alles vergessen.“ Das aber kann sie nicht, denn ihre sechs Kinder brauchen die Mutter jetzt ganz besonders. Für sie muss die 39-Jährige stark sein und ihr tiefes Unglück beiseiteschieben. Immer gelingt ihr das nicht. „Eigentlich steht mir der Sinn überhaupt nicht nach Weihnachten und Tannenbaum, aber die Kinder wären sehr enttäuscht und bestehen ganz besonders hartnäckig auf alles, was bei uns früher ,immer so war'.“

Früher, das war vor Lothars Tod. Vor etwa fünfzehn Jahren sind er und Roswita aus Ostdeutschland nach Winsen gezogen, der Arbeit wegen. Lothar bekam eine Stelle als Handwerker, sie fanden ein baufälliges Haus zur Miete und steckten viel Eigenleistung in Renovierung und Ausbau. „Wir hatten uns von Anfang an eine große Familie gewünscht. Die Kinder kamen gesund zur Welt und haben sich gut entwickelt, keine Probleme in Kindergarten oder Schule. Mit dem Geld war es eng, aber wir kamen zurecht und waren glücklich.“

Mit einem Schlag zerbrach dieses Glück. Die Organisation und Kosten der Beerdigung, die zahlreichen Gänge zu Ämtern und das Antragstellen, nebenher die Betreuung der Kinder und die Bewältigung des Alltags. Roswita Lomeyer kam bisher kaum zur Ruhe. Dazu kommen große Ängste vor der Zukunft. „Den Papierkram hat immer mein Mann erledigt. Jetzt muss ich das alles übernehmen und fürchte, etwas falsch zu machen oder zu vergessen.“ Der Antrag auf Witwen- und Waisenrente entwickelte sich zäh, gleichzeitig fiel das Gehalt des Familienvaters weg, die laufenden Kosten mussten dennoch rechtzeitig und regelmäßig erbracht werden. Jetzt hat – im Zuge der Beantragung von Wohnkostenhilfe – das Arbeitsamt festgestellt, dass die Wohnfläche „zu groß“ ist, gemessen an den dort lebenden Familienmitgliedern. "Die Verhandlungen laufen noch, aber ich hab große Angst ausziehen zu müssen – und wohin dann?“

Roswita Lomeyer wurde außerdem dazu aufgefordert, sich schnellst möglich eine Arbeit zu suchen. „Das wollte ich sowieso tun, aber gerade jetzt sind die Kinder alle sehr durcheinander und brauchen die Stabilität eines Tagesablaufes, der sich – wenn auch ohne Vater – sonst wenigstens ,wie immer' abspielt. Und das heißt, sie kommen mittags aus dem Kindergarten und aus der Schule und finden eine ordentliche Mahlzeit vor und später Unterstützung bei den Hausaufgaben. Ich glaube, dass sie eine radikale Umstellung mit Ganztagsschule und Hort noch nicht verkraften“, befürchtet die Mutter.

Das ist nicht aus der Luft gegriffen, denn zwei der Jüngeren sind nun Bettnässer. Deshalb stehen ganz oben auf der Liste von notwendigen Anschaffungen neue Matratzen. Die Älteren werden von Alpträumen geplagt. Der 15-jährige Sohn vermisst seinen Vater besonders und hat sich stark in sich zurückgezogen, darunter leidet auch seine Beteiligung im Unterricht.

Einerseits möchte Roswita Lomeyer das Weihnachtsfest nicht ausfallen lassen, auf der anderen Seite ist ihr so gar nicht nach einem Familienfest zu Mute. Den Gedanken, die Einladung von Verwandten in der Heimat anzunehmen, hat sie schon der Kosten wegen gestrichen – Zugfahren mit sechs Kindern ist teuer. Ein Auto besitzt die Familie nicht mehr. „Ich habe ja auch keinen Führerschein“. Die Mutter erledigt alles per Fahrrad, „die Kinderräder wurden von Lothar immer wieder hergerichtet und weitervererbt. Die beiden Großen sind jetzt herausgewachsen und brauchen dringend neue Räder.“ Die Liste von Notwendigkeiten wächst, eine Liste von tröstlichen Geschenken hat da keine Chance.

Von Doris Hennies