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Celle Stadt 25 Jahre Mauerfall: "Das bin ich da auf dem Foto"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt 25 Jahre Mauerfall: "Das bin ich da auf dem Foto"
19:42 14.11.2014
Vor 25 Jahren waren sie sich schon einmal begegnet: Christine Henker radelte auf dem Fahrrad bei Bergen an der Dumme gen Westen über die Grenze, als Joachim Gries auf den Auslöser drückte.  Quelle: Simon Ziegler
Celle Stadt

Als Christine Henker am vergangenen Samstag die Cellesche Zeitung durchblätterte, machte sie eine Entdeckung: Ein Foto zeigte sie, wie sie am 11. November 1989, zwei Tage nach dem Mauerfall in Berlin, mit dem Fahrrad den Grenzübergang bei Bergen an der Dumme in Richtung Westen passierte. Auf den Auslöser hatte damals Joachim Gries gedrückt, auch heute noch Redakteur bei der CZ.

Am Dienstag, auf den Tag genau 25 Jahre nach dem Entstehen des Fotos, kam Henker in die Redaktion und erzählte. Damals, 1989, hieß sie noch Christine Wasner, damals war sie 21 Jahre alt und arbeitete in einer Bäckerei in Salzwedel und damals schwang sie sich mit ihrem Lebensgefährten, der ebenfalls in der Bäckerei arbeitete, an dem frischen Samstagmorgen aufs Fahrrad, um die neue Reisefreiheit auszuprobieren. An der Grenze mussten sie ihren Personalausweis zeigen, dann ging es weiter, an den unzähligen Trabis und Wartburgs vorbei, die sich bis Salzwedel zurückstauten.

In Bergen holten sie sich ihre 100 D-Mark Begrüßungsgeld ab, dazu mussten sie anstehen. Dann ging es zum Einkaufen. „Bananen, Mandarinen, Schokolade“, erinnert sie sich heute. Dann radelten sie weiter nach Clenze. Da schauten sie sich eine Videothek an. „Gab es ja bei uns nicht“, sagt sie. In Clenze lernten sie ein älteres Ehepaar kennen, das ihnen später auch Pakete in die DDR schickte. Am Spätnachmittag radelten Wasner und ihr Freund nach Salzwedel zurück. „Die Eindrücke vergisst man nicht“, sagt sie 25 Jahre später.

Sie arbeitete weiter in der Bäckerei, bis diese zumachte. Das war etwa 1991. Sie wurde arbeitslos. Im Jahr darauf kam ihr Sohn zur Welt. Irgendwann fanden sie und ihr Ex-Mann Arbeit: Beim Postverteilzentrum in Altenhagen. Sie pendelten von Salzwedel, bis sie 2004 nach Höfer umzogen. Seit 2007 lebt Henker jetzt mit ihrem Lebensgefährten in Celle, sie hat zwei erwachsene Kinder und arbeitet inzwischen stundenweise in einem Hotel in der Stadt.

Nach Salzwedel hat sie weiter Beziehungen, dort leben nach wie vor ihre Eltern und ihre zwei Brüder. Am vergangenen Wochenende hat Henker viel Fernsehen geschaut, die Dokumentationen über den Mauerfall. „Da kamen die Tränen“, sagt sie. Als Ossi unter lauter Wessis fühlt sie sich nicht. „Manchmal wird man als Ossi auf den Arm genommen“, sagt sie, aber das sei nie ernst gemeint.

„Schlecht war es nicht, man hatte sich dran gewöhnt“, sagt die heute 46-Jährige über ihr Leben in der DDR. Jeder hätte damals einen Garten gehabt und alles angebaut und eingekocht. Kindergarten und das ganze Soziale sei sicher gewesen und günstiger. „Davon konnte der Staat aber nicht überleben“, sagt sie.

Dass eines Tages die Grenze fallen würde, hat sie damals nicht in Erwägung gezogen. Westkontakte hatte die Familie nicht. Ihr Vater war bei der Transportpolizei, da waren Westkontakte nicht erlaubt. Sie erinnert sich, wie sie mit ihrer Mutter und ihren Brüdern heimlich Westfernsehen geschaut hatte, wenn der Vater zur Arbeit war. Die Oma hatte eine Schwester im Westen, die schickte eine Hose für ihre Großnichte in die DDR. Unten am Saum des Beins war eine kleine USA-Fahne aufgenäht. „Da kam die Klassenlehrerin mit einer Schere und fragte, ob sie die Fahne abtrennen solle oder ob ich das selber mache“, weiß Henker noch wie heute.

Von Joachim Gries