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Celle Stadt 350 Celler auf dem Weg der Erinnerung (mit Video)
Celle Aus der Stadt Celle Stadt 350 Celler auf dem Weg der Erinnerung (mit Video)
20:26 09.11.2018
Von Andreas Babel
Die Veranstaltungsreihe zum Gedenken an die Pogromnacht an den Celler Stolpersteinen. Schüler der Oberschule I erinnern an sechs Stolpersteinen an die ermordeten jüdischen Bürger Celles. Quelle: Oliver Knoblich
Celle

80 Jahre nachdem der braune Mob auch durch Celles Straßen tobte und sich die Wut gegen Geschäfte von jüdischen Cellern und gegen ihr Gotteshaus entlud, haben Hunderte Celler am Freitagnachmittag an die Pogromnacht erinnert. Das „Celler Netzwerk gegen Antisemitismus“ hatte zu einer Veranstaltungsreihe eingeladen, die in der Stadtkirche begann und bei einsetzender Dämmerung an sechs Stolpersteinen haltmachte, ehe sie in der Synagoge mit Reden und einer Lesung aus Gedichten und Briefen endete.

Superintendentin Andrea Burgk-Lempart und Pastor Dirk Wagner gestalteten die Feier in der Stadtkirche, an der rund 350 Menschen teilnahmen. Fast eben so viele zogen anschließend auf dem „Weg der Erinnerung“ durch die Altstadt. „Auch heute gibt es wieder Judenhass, auch heute kommt keine Veranstaltung von jüdischen Gemeinden ohne Polizeischutz aus, auch die heutige wird unauffällig und diskret von der Polizei begleitet“, sagte Wagner.

Die beiden Seelsorger trugen Texte vor, die einen beunruhigenden Blick auf den Alltag jüdischer Mitbürger offenbaren: Sie erwähnten, dass ein Fußballtrainer eines Kreisligisten aus Mettmann, der im Internet gegen Juden wetterte ("Halt's Maul, du dreckiger Jude!"), deswegen seinen Hut nehmen musste. Sie sprachen davon, dass vom Beifahrersitz eines Autos am Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin gerufen wurde: „Ich vergase euch Scheißjuden!“. Diese beiden Vorfälle ereigneten sich nicht vor 80 Jahren, sondern im Januar des Jahres 2018. Und auch die weiteren Beispiele stammen aus diesem Jahr: Ein Lehrer eines Gymnasiums verbreitete im Februar via Twitter antisemitische Verschwörungstheorien. Der Mann hat die Schule mittlerweile verlassen. Die Geistlichen brachten in Erinnerung, dass es noch keine sieben Monate her ist, als eine Gruppe von Teilnehmerinnen der Veranstaltung „Berlin trägt Kippa“ auf offener Straße von einer anderen Gruppe angegriffen und übelst beleidigt worden ist: „Verpisst euch, Ihr Juden! Wir schlagen euch Anti-Deutschen den Kopf ein“, wurde ihnen entgegengeschrien. Ihnen wurde der Weg versperrt, ihnen wurde ins Gesicht gespuckt und einige von ihnen wurden geschlagen, ehe sie der feindlich gesinnten Gruppe entkamen. Am 30. Mai schändeten Unbekannte 3 von 13 Tags zuvor verlegte Stolpersteine in Moers, indem sie sie mit schwarzer Farbe besprühten, Kerzen umwarfen und den ausgelegten Blumenschmuck zertreten.

In ihrer Predigt erinnerte Superintendentin Andrea Burgk-Lempart daran, dass das Pogrom in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zwar "von oben angeordnet" gewesen sei, aber auch viele Bürger daran teilgenommen hätten. "Viele sind stumm geblieben, haben nicht protestiert", sagte die Superintendentin. Auch die Kirche habe angesichts dieses Gewaltausbruchs geschwiegen. Sie habe sich die Frage gestellt, ob auch sie damals geschwiegen hätte. Sie könne diese Frage nicht beantworten. Es sei in diesem Zusammenhang wichtig, die christlichen Wurzeln des Antisemitismus' offen zu legen. Im vergangenen Jahr, dem 500. seit der Reformation habe man den Antisemitimus Martin Luthers analysiert. So sei nun in die Präambel der Hannoverschen Landeskirche folgende Erklärung aufgenommen worden: "Zeugnis, Mission und Dienst erfolgen in Gemeinschaft mit anderen christlichen Kirchen und im Zeichen der Treue Gottes zum jüdischen Volk." Das sei nur logisch, denn beide Glaubensgemeinschaften hätten denselben Gott.

"Antisemitismus und christlicher Glaube schließen einander aus. Wir brauchen Empathie und Wachsamkeit", sagte Burgk-Lempart. Sie forderte Gespräche, auch engagiert geführte Streitgespräche, um dem Antisemitismus entgegenzutreten. Als Kain seinen Bruder Abel totgeschlagen habe, sei er von Gott gefragt worden, wo denn sein Bruder sei, habe Kain ihm geantwortet: "Bin ich meines Bruders Hüter?" Da wir alle Töchter und Söhne desselben Gottes seien, müsse die Antwort für alle Christen und Juden lauten: "Ja, wir sollen die Hüter unseres Bruders sein."

Zu Beginn des „Wegs der Erinnerung“ berichtete der Gymnasiast Marvin Gutsche von einem Experiment, das er am Montag, 29. Oktober, in Celle unternommen hat. Der Celler, der die 11. Klassenstufe des Hermann-Billung-Gymnasiums besucht, lief eine Stunde lang mit der jüdischen Kopfbedeckung, der Kippa, durch die Altstadtstraßen. Ein Mann sprach ihn an und sagte ihm, er begrüße es, dass er offen zeige, dass er Jude sei. Aber viele andere „haben mich böse angeschaut, so nach dem Motto ,Du hast hier nichts zu suchen!‘“, sagte Gutsche auf der Stechbahn. Er habe regelrechte „Hassblicke“ gesehen und dadurch eine Ausgrenzung am eigenen Leib erlebt. Er habe dann so schnell wie möglich die Stadt verlassen wollen, aber er wollte "das auch durchziehen". Die Reaktionen der Passanten hätten ihn wütend und auch traurig gemacht.

Oberbürgermeister Jörg Nigge (CDU), Patrick Hahne von der Jüdischen Gemeinde Celle, Sabine Maehnert von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Celle und der Bürgermeister der israelischen Partnerstadt Celles, Mazkeret Batya, Itzhak Pasternak, sprachen in der Synagoge. Zuvor hatte Hahne das Kaddisch, ein jüdisches Trauergebet vor der Synagoge gesprochen. An der Veranstaltung in der Synagoge konnten nur 100 der Anwesenden teilnehmen, mehr Platz bietet das historische Gebäude nicht.

Nigge meinte, es sei Aufgabe der politischen Elite, Stellung gegen Ausgrenzung und Antisemitismus in Deutschland zu beziehen. Er bedankte sich ganz besonders bei den Jugendlichen. Er beobachte eine "zunehmende Hass-Kriminalität in unserem Land". Wir müssten Werte wie Anstand und Toleranz selbst leben. Das sei das Fundament unserer Gesellschaft. "Gefühlt sieht die Politik darüber hinweg", wenn mitten in der Stadt die israelische Flagge verbrannt werde. Man dürfe aber nicht wegsehen. Es ermutige ihn aber, dass so viele Menschen den Weg der Erinnerung beschritten haben und dass auch die Veranstaltungen der Celler Synagoge stets gut besucht seien.

Hahne meinte: "An diesem Abend erinnern wir uns an die Menschen, die aus einem einzigen Grund ihr Recht auf Leben verwirkt haben: Weil sie Juden waren." Das Nazi-Regime habe in dieser Nacht sein "unmenschliches Gesicht" gezeigt. Und die Mehrheit der Zivilbevölkerung habe ohne Empathie zugeschaut. Es sei nur "reinem Eigennutz" der Machthaber zu verdanken gewesen, dass die Synagoge "einem Flammeninferno entronnen" sei, da es inmitten weiterer Fachwerkbebauung stehe. Die sechs Kerzen, die die Schüler aus der Stadtkirche von Stolperstein zu Stolperstein und schließlich in die Synagoge getragen haben, stünden für sechs Millionen ermordete Juden, jede Kerze für eine Million toter Juden. Alleine 1,5 Millionen jüdischen Kindern sei es verwehrt gewesen, ihr Leben zu beginnen.

Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Celle, trug zwei berührende Gedichte eines Holocaust-Überlebenden vor. "Feuer auf dem Platz" thematisiert die Verbrennung der Bücher unliebsamer Autoren und "Teufelswerk" die Auswirkungen des Holocaust auf jüdische Gläubige: Die Einen seien religiöser geworden, die Anderen hätten sich vom Glauben abgewandt, weil sie nicht verstehen konnten, wie Gott so etwas zulassen konnte.

Der Bürgermeister von Celles Partnerstadt Mazkeret Batya, Pasternak, wies darauf hin, dass nicht alle Deutschen gegen Juden gewesen seien. Heute müsse die Mehrheit gegen jegliche Form radikaler Politik in der ganzen Welt kämpfen. Er erinnerte daran, dass erst kürzlich 13 Menschen in Pennsylvania getötet wurden, nur weil der Täter Juden hasste. Es sei heute besonders wichtig, die Freundschaft zwischen Celle und seiner Stadt in Israel zu entwickel, das sei der einzige Weg, um Vorurteile abzubauen.

Sabine Maehnert las aus einem Gruß ihres väterlichen Freundes Kurt Roberg vor, den er ihr am Tag zuvor aus den vereinigten Staaten geschickt habe. Der 94-jährige gebürtige Celler verließ wenige Tage nach der Pogrom-Nacht seine Heimatstadt, um sein Leben zu retten. Er richtete sich vor allem an die Jugendlichen, deren Aufgabe es sei aufzuzeigen, dass "Hass die Menschheit nur verübelt". Nur wenige wie der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hätten früh begonnen, die Täter juristisch zu verfolgen. Heute sei es Aufgabe der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, die Jüdische Gemeinde Celle "tatkräftig zu unterstützen". Wir sollten einander mit Zuneigung und Lernbereitschaft begegnen.

Zu folgenden ermordeten Juden trugen Schüler der Oberschule 1 einiges aus ihrem Leben vor und gaben ihnen an den ihnen zum Gedenken verlegten Stolpersteinen so ihr Gesicht wieder: Jacob Löwenstein, Jenny Schlüsselburg, Robert Meyer und Familien Cussel, Kohls und Feingersch. Wenn sie auch sehr leise sprachen und ihre Worte gegen die störenden Geräusche einer belebten Innenstadt ankämpfen mussten, so konnten doch die meisten der rund 300 Teilnehmer am "Weg der Erinnerung" ihren Worten folgen, weil sie die Jugendlichen quasi mit einem Wall aus Leibern umgaben und so den Lärm von außen abschirmten. Das Celler Glockenspiel am Markt hatte durch den etwas verfrühten Beginn des Weges so sicher weit mehr Zuhörer als üblich, denn gegen die lieblichen Klänge deutscher Weisen kam die zarte Stimme des Schülers nicht an und so wartete man eben einige Minuten vor dem Alten Rathaus, bis das Glockenspiel verklungen war.

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