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Celle Stadt 60 Menschen werden in Tagesstätte der Lobetalarbeit Celle gefördert
Celle Aus der Stadt Celle Stadt 60 Menschen werden in Tagesstätte der Lobetalarbeit Celle gefördert
17:17 05.11.2014
Tagesförderstätte der Lobetalarbeit Celle: Koschin (links) freut sich immer, wenn sich Angela Behlke um sie kümmert. Rund um das Motto „Die Welt ist nicht die Welt nur eines Menschen“ haben die Besucher ihre Handabdrücke farbenfroh verewigt (kleine Fotos). Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle Stadt

Die Celler Lobetalarbeit hat im Heesegebiet eine Tagesförderstätte für 60 Menschen gebaut. Kostenpunkt: rund drei Millionen Euro. Seit Juli werden in den hellen farbenfrohen Räumen die Besucher nach ihren individuellen Möglichkeiten unterstützt und gefördert. Zeit für einen Besuch.

Franziska Nadler lebt seit 2007 in der Lobetalarbeit in Wietzenbruch. Seit Juli kommt sie regelmäßig mit dem Bus in die Amelungstraße, um tagsüber die Arbeitsstruktur zu erleben. Als Besucherin, wie die Menschen mit Beeinträchtigungen im Fachjargon genannt werden. Lange Zeit sei sie in einer pfiffigen Gruppe gewesen, die ihr gut getan habe, sagt Nadler. Dann habe sie sich um einen Platz in der Amelungstraße beworben. Und es hat geklappt.

Wohnen, Arbeit und Freizeit

Wie die Leiterin der Tagesförderstätte, Marlies Sievert, sagt, wird der Tag der Besucher in drei Milieus gegliedert: Wohnen, Arbeit und Freizeit. Die Idee der Tagesstruktur als so genanntes zweites Milieu entspringt dem Normalisierungsprinzip, dass das Leben eines Menschen mit Intelligenzminderung so „normal wie möglich“ zu gestalten sei. Das „Normale“ im weitesten Sinne bedeutet hierbei, dass Menschen unserer Kultur für gewöhnlich im Alltag ihren privaten Lebensbereich verlassen, um auf dem Arbeitsmarkt an einem anderen Ort zusammen mit anderen Menschen einer Tätigkeit beziehungsweise einer Aufgabe nachzugehen. Abgesehen von den dahinter liegenden Motiven und der konkreten Ausgestaltung stellt das zweite Milieu somit einen Lebensbereich dar, der durch Orts- und Beziehungswechsel zum privaten Lebensbereich hin gekennzeichnet ist. Diese beiden Aspekte bilden den Rahmen für eine notwendige inhaltliche Bestimmung eines zweiten Lebensbereiches für die Besucher, heißt es in dem Lobetal-Konzept.

„Hier in der Amelungstraße kümmern wir uns um den Bereich Arbeit“, sagt Sievert. Das ist die individuell ausgerichtete Beschäftigung je nach Fähigkeiten und Interessengebieten. „Hier können wir unseren Besuchern eine Perspektive eröffnen und neue unbekannte Fähigkeiten testen.“ Vorhandene Fähigkeiten und Kenntnisse werden erhalten und gefördert. „Und für Neues werden unsere Besucher sensibilisiert“, schildert Sievert die Arbeitsweise der elf pädagogischen Fachkräfte. Als „Meilenstein und Ankerpunkt der Inklusion“ beschrieb Lobetal-Chef Carsten Bräumer das Projekt schon bei der Eröffnung: In dem Haus und drum herum arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung und erleben so eine gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft – mitten im Herzen des Stadtteils Heese. „Wir haben hier einen Ort der Begegnung geschaffen, der allen Menschen offen steht, denn Begegnung verändert unsere Gedanken“, sagt Bräumer. Das Grundstück ist offen gestaltet und verbindet die Amelungstraße mit der Rostocker Straße.

Um flexibel zu sein, sind hier für die 60 Besucher fünf identische Gruppenareale geschaffen worden, in denen jeweils ein Gruppenraum, ein Materialraum, ein Ruheraum und eine Nasszelle vorhanden sind. Sie unterscheiden sich durch die farbliche Gestaltung: grün, orange, pink, gelb und blau. „So können sich unsere Besucher gut orientieren, so wissen sie genau, welches ihre Gruppe ist“, beschreibt Marlies Sievert den Alltag. Durch die offen stehenden Türen können die Besucher auch andere interessante Angebote wahrnehmen. „Das gehört mit zu unserem Konzept. Wenn in einer Gruppe mal gebacken wird, kommen oft Besucher anderer Gruppen mit dazu. So soll es sein, um eine breite Förderung zu ermöglichen. – Schritt für Schritt werden sie an Neues herangeführt.“

Es riecht nach Tapetenkleister und Papier. Ralf Kox in der blauen Gruppe fertigt gerade große Weihnachtsengel aus Pappmaschee „Doch, das finde ich gut“, sagt Kox. Er habe bereits vier Engel gebaut. „Das ist nicht so schwierig“, findet er und beschreibt, dass er etwa eine Woche für einen Engel braucht. Die kleinen Zeitungsschnipsel klebt er sorgfältig auf Luftballons und Pappflügel. Anschließend werden die Engel farbig gestaltet.

Im Hintergrund klingt ein Glockenspiel. Gegenüber in der pinkfarbenen Gruppe legt Jessica Ottenberg die Karten eines Memory-Spiels aus. „Ich spiele gern Memory“, sagt sie und lädt dazu ein, am Tisch Platz zu nehmen, mitzuspielen. Ihre jüngere Schwester Jennifer sei zwar größer als sie selbst, aber sie freue sich immer, wenn sie kommt: „Dann gehen wir Eis essen“, erzählt die Besucherin.

Die Begegnung mit Bürgern des Stadtteils ist den Verantwortlichen wichtig. So seien ein Bistro oder ein Internet-Café mit angeschlossener Sitzecke mit Zeitungen und Zeitschriften denkbar. Es könnten auch Seniorennachmittage stattfinden. „Angedacht ist außerdem eine Arbeitsgemeinschaft für Schüler der Oberschule“, skizziert Marlies Sievert jüngere Überlegungen, die vertieft werden müssen. Bereits am 17. November findet mit Schülern der Neustädter Schule ein gemeinsamer Bastelnachmittag statt. Dann kann Ralf Kox wieder erzählen, wie Engel hergestellt werden.

Es geht offen und ungezwungen zu

Gitti und Lissy sind unzertrennlich. Brigitte Tietze wird übermorgen 48 und bereitet sich in der pinkfarbenen Gruppe auf die Feier vor. Logisch, dass Lissy dabei ist. Lissy ist die Puppe, die Gitti ständig bei sich hat. Auch wenn Gitti Obstsalat zubereitet oder den Geburtstagskuchen backt, ist Lissy dabei. Logisch auch, dass Brigitte nicht nur von ihrer Hand einen Gipsabdruck macht, sondern auch von Lissy, ihrer Puppe. An der Wand hängen beide Gipsplatten zusammen neben den Abdrücken der anderen Besucher aus der Gruppe.

Gemeinsam mit der examinierten Altenpflegerin Susanne Edenhuizen fädelt Brigitte aber auch Holzperlen auf das kräftige Band. – So entsteht eine Halskette.

Im orangefarbenen Tagesraum sitzt Angela Behlke an der Nähmaschine und näht gemeinsam mit Monja Simann, sie ist Heilerziehungspflegerin, farbenfrohe Hüllen für Körnerkissen. Andere Weihnachtsdekorationsartikel kommen noch dazu. Wen sich Gelegenheit ergibt, kümmert sich Angela Behlke auch um die Rollstuhlfahrerin Koschin. „Die freut sich immer, wenn ich komme“, ist Behlke glücklich. Es geht offen und ungezwungen zu in der Tagesförderstätte Amelungstraße.

Wie Lobetal-Pressesprecher Markus Weyel ergänzt, soll auf dem Nachbargrundstück neben der Förderstätte noch ein Wohngebäude für 48 Menschen mit Behinderung entstehen. Geplante Baukosten: 6,7 Millionen Euro. Die Pläne dafür liegen bereits vor.

Von Lothar H. Bluhm