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Celle Stadt AKH ist wieder ein Sanierungsfall
Celle Aus der Stadt Celle Stadt AKH ist wieder ein Sanierungsfall
07:03 17.10.2018
Von Gunther Meinrenken
Finanzielle Schieflage am AKH. Die Celler Klinik ist zusammen mit dem Klinikum Peine tief in die roten Zahlen gerutscht. Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Als Vorstand Stephan Judick Ende des vergangenen Jahres das AKH verließ, um am Klinikum Herford eine neue Herausforderung zu suchen, dachten eigentlich alle, dass er ein gut bestelltes Feld hinterlassen hat. Doch die Zahlen, die sein Nachfolger Martin Windmann am Mittwoch den Mitarbeitern präsentieren wird, zeichnen ein anderes Bild. Aus Unterlagen der Aufsichtsratssitzung vom 30. August, die der CZ vorliegen, geht hervor, dass die gesamte AKH-Gruppe, zu der neben dem Celler Krankenhaus auch das Klinikum Peine gehört, das vergangene Jahr mit einem Minus von voraussichtlich 16,5 Millionen Euro abschließen wird bei einem Gesamtumsatz von etwa 160 Millionen Euro. Am Mittwoch werden Aufsichtsratsvorsitzender Klaus Wiswe und der neue AKH-Vorstand Martin Windmann bei Betriebsversammlungen an beiden Standorten den Belegschaften die schlechten Nachrichten verkünden.

Diese Zahlen dürften viele Mitarbeiter überraschen. Denn nach den Krisenjahren 2010 und 2011, in denen der Klinikverbund ein Minus von 6,1 beziehungsweise 9,6 Millionen Euro zu verkraften hatte, hatte Judick in jüngster Zeit sogar wieder Gewinne verbuchen können. 2016 etwa schloss die AKH-Gruppe mit einem Plus von 700.000 Euro ab, 2015 waren es 3 Millionen Euro, 2014 1,9 Millionen Euro und 2013 standen 1,4 Millionen Euro auf der Habenseite. Nun werden im Aufsichtsrat Zweifel an dieser Erfolgsbilanz laut. Eine Wirtschaftskanzlei soll prüfen, ob und inwieweit Judick zur Verantwortung gezogen werden kann.

Doch woher kommen auf einmal die enormen Verluste? Windmann hatte im Februar dieses Jahres seine Tätigkeit als AKH-Vorstand aufgenommen. Eine "Analyse des Ist-Zustandes" habe "die aus meiner Sicht zu hinterfragenden Verbuchungsmethoden zum Vorschein gebracht", so der neue AKH-Vorstand. Daraufhin habe das AKH die Wirtschaftsprüfer Warth & Klein Grant Thornton beauftragt, die Vorgänge näher zu untersuchen, "um eine neutrale und unvoreingenommene Aussage treffen zu können", sagt Windmann.

Konkret geht es um die Bewertung ausstehender Forderungen meist gegenüber den Krankenkassen, die sich für den Standort Peine auf 7,3 und für Celle auf fast 16 Millionen Euro belaufen. In der Bilanz tauchen diese Beträge auf der Habenseite auf, da es sich um Geld handelt, das den Kliniken zusteht. Doch viele Rechnungen, die von den Krankenkassen bemängelt wurden, dürften nie mehr in voller Höhe bezahlt werden. Unter Judick wurden Forderungen nach 180 Tagen zu 50 Prozent abgeschrieben, nach einem Jahr komplett. Eine Vorgehensweise, die durch die Bilanzvorschriften gedeckt ist. Letztlich waren die Jahresabschlüsse von Judick auch stets von anderen Unternehmensprüfern als korrekt bestätigt worden.

Die von Windmann beauftragten Wirtschaftsprüfer kamen allerdings zu anderen Schlussfolgerungen. Demnach müsste man nach 90 Tagen 70 Prozent, nach 180 Tagen 80 Prozent, nach 270 Tagen 90 Prozent und nach einem Jahr 100 Prozent der ausstehenden Beträge abschreiben. Das führt zu einer deutlichen Wertberichtigung in der Bilanz.

Brisant: Die Krankenkassen verrechnen in der Regel die Fälle untereinander. So kommt es vor, dass einige Rechnungen schon auf null gesetzt sind. Dennoch sollen diese nach CZ-Informationen teilweise in der Bilanz auftauchen und das Ergebnis auf dem Papier verbessern, obwohl dahinter kein realer Wert mehr steht.

Schlecht schneiden Celle und Peine auch bei den Überprüfungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen ab. Je kontrolliertem Fall verliert das AKH durchschnittlich 30 Prozent der Rechnungssumme, in Peine sind es 26 Prozent. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 15 bis 20 Prozent. Konsequenz: Die Rücklagen für diesen Einnahmeausfall müssen in Celle um 2,3 Millionen Euro und in Peine um 860.000 Euro erhöht werden.

Besonders dramatisch stellt sich die Situation in Peine da. Ohne die finanzielle Unterstützung des AKH wäre das dortige Klinikum im Grunde genommen zahlungsunfähig. Aus dem vergangenen Jahr schuldet das Klinikum Peine dem AKH 3,9 Millionen Euro. In den ersten acht Monaten dieses Jahres hat sich dieser Betrag auf 7,8 Millionen Euro erhöht. Doch das ist noch nicht alles: Das Stammkapital in Peine ist aufgezehrt. Um überhaupt noch Ansprüche wie Lohnzahlungen bedienen zu können, muss das AKH der kleinen Schwester unter die Arme greifen. Und zwar kräftig. Zur Sicherstellung der Liquidität hat das AKH dem Klinikum in diesem Jahr ein Darlehen in Höhe von 4 Millionen Euro gewährt. 2019 könnten noch einmal 4,5 Millionen Euro dazukommen. Dann stände Peine beim AKH mit insgesamt 16,3 Millionen Euro in der Kreide.

Klar ist allerdings: Eine finanzielle Sanierung dürfte schmerzhaft werden. Mögliche Leidtragende könnten die so genannten tertiären Bereiche werden, sprich die 280 Angestellten in der Küche, Reinigung und Logistik. Wirtschaftsprüfer haben bereits ausgerechnet, was es bedeuten würde, wenn man diese nach dem geringer dotierten Dehoga-Tarif entlohnen würde. Die Summe der einkalkulierten Abfindungen würde sich nach zwei Jahren bezahlt machen. Klar dürfte aber auch sein, dass dies das Betriebsklima erheblich belasten würde.

Windmann, der sich zusammen mit Wiswe und dem Konzernbetriebsratsvorsitzenden Ralf Laumert am Mittwoch detaillierter gegenüber der CZ äußern wird, will sich allerdings nicht nur auf die tertiären Bereiche konzentrieren. "Jeder Bereich innerhalb der AKH-Gruppe wird einer intensiven Überprüfung unterzogen, sei es die Abrechnung/Codierung, der ärztliche Bereich, die Verwaltung und auch die tertiären Bereiche. Denkverbote halte ich in dieser Situation für nicht angebracht – daher erfolgte auch eine frühzeitige Einbindung des Betriebsrats", betont Windmann.

Meinung: Überzeugend? (von Gunther Meinrenken)

Hat der ehemalige AKH-Vorstand Stephan Judick zu positiv bilanziert oder rechnet sein Nachfolger Martin Windmann die Celler Klinik und das Klinikum Peine schlecht, um hinterher eine umso bessere Bilanz als seinen Verdienst verkaufen zu können? Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich gerade die Diskussionen um die Finanzsituation der AKH-Gruppe, zumindest bei denjenigen, die "eingeweiht" sind. Dabei ist klar: Windmann muss heute bei den Betriebsversammlungen in Celle und Peine schon sehr überzeugend sein, um die Mitarbeiter von seiner Sicht auf die Zahlen zu überzeugen. Denn in den vergangenen Jahren hat das Personal, insbesondere die Pflegekräfte, schon die Hauptlast des Sanierungsprozesses tragen müssen. Dass das AKH jetzt erneut in sicheres Fahrwasser gesteuert werden muss, werden viele nicht verstehen, und das kann nur gelingen, wenn die Mitarbeiter dahinterstehen.