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Celle Stadt Abend in VHS Celle: "Eltern müssen ehrlich bleiben"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Abend in VHS Celle: "Eltern müssen ehrlich bleiben"
19:14 05.03.2015
Eine Familie am Nordseestrand bei Sonnenuntergang: Handwerkszeug für eine konfliktarme Patchworkfamilie gibt es am 18. März in der Volkshochschule. Quelle: Patrick Pleul
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Seit mehr als zwölf Jahren lebt Katharina Sieckmann in einer Patchworkfamilie. Als ihre Stieftochter auf einer Familienfeier ausführlich über das Zusammenleben auspackt, merkt die Journalistin plötzlich, dass Trennungskinder viel zu sagen haben. Auch in der Familienberatung ist die Perspektive der Heranwachsenden ziemlich neu. In Elternratgebern werden sie oft nur als „Symptomträger“ thematisiert. Für das Buch „Familie für Fortgeschrittene“ vom Kösel-Verlag (17,99 Euro) gab Sieckmann den Kindern nun Raum, ganz offen über ihre Gedanken und Gefühle im Leben einer Patchworkfamilie zu sprechen. Sieckmann ist auch Familiencoach und war überrascht, dass die Kinder in den Interviews kein Blatt vor den Mund nahmen und erstaunlich erwachsen auftraten. Die Jüngeren hatten sich nach 20 Minuten alles von der Seele geredet, die älteren brauchten dafür schon mal zwei Stunden.

Am Mittwoch, 18. März, referiert Katharina Sieckmann im Saal der Celler Volkshochschule, Trift 20, über ihre Erfahrungen. Der Eintritt für die Veranstaltung von 19 bis 21.30 Uhr kostet 11 Euro. Dabei will die Expertin mit Geschichten aus dem Buch Impulse geben für eine Diskussion mit dem Publikum. Außerdem will sie das Handwerkszeug für eine konfliktarme Patchworkfamilie vermitteln, was laut Sieckmann manchmal einfacher ist, als man denkt.

Die wesentliche Erkenntnis aus den Interviews war für Sieckmann, dass keine Familie wie die andere ist. Jedes der 13 Kinder machte unterschiedliche Erfahrungen und sprach neue Aspekte an. Sieckmanns Gefühl nach verzeihen die Kinder eine Trennung der Eltern leichter, wenn sich die Erwachsenen an bestimmte Regeln halten: „Sie fordern von ihren Eltern vor allem, dass sie ehrlich zu ihnen sind.“ Ein Elternteil darf nicht auf dem anderen herumhacken, etwas Gemeines über den Ex-Partner sagen. Denn dabei schlage Schmerz häufig in Aggression um. Das beleidige auch die Kinder: „Es trifft dann immer eine Hälfte des Kindes.“ Oft geraten die Kinder in einen Loyalitätskonflikt und ziehen sich zurück.

Erwachsene überfordern sich oft mit dem Anspruch, alle müssten sich genau gleich lieb haben. Dabei gibt es immer eine Rangordnung, die meistens unstrittig ist: „Für den Partner stehen immer die Kinder auf Platz eins, und dann kommt erst der neue Partner“, sagt Sieckmann. Außerdem müsse man akzeptieren, dass Ex-Partner eine wichtige Rolle spielen.

Neue Geschwister sind dagegen entweder eine Bereicherung oder spielen keine Rolle. Häufig freuen sich die Kinder über neue Spielgefährten, weil es nicht mehr so langweilig ist.

Insgesamt zehn goldene Regeln formulieren die Autoren in ihrem Buch. Eine davon lautet, dass Eltern ihre „Streit-Hausaufgaben“ erledigen müssen. Kommunikation spiele eine wichtige Rolle, deswegen schlägt Sieckmann Rituale wie Familienkonferenzen vor. Außerdem ist wichtig, dass neue Patchworkfamilien sich Zeit lassen. „Das Zusammenwachsen dauert unendlich lange. Da sind zwei Monate ein Witz. Die Strukturen und Beziehungen müssen jahrelang wachsen“, erklärt Sieckmann. Die neuen Partner brauchen auch Zeit für sich. Und auch für ihre leiblichen Kinder brauchen Eltern viel „Quality-Time“.

Von Dagny Rößler