Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt "Achtsamkeit ist eine Lebensaufgabe"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Achtsamkeit ist eine Lebensaufgabe"
12:27 30.12.2013
Von Gabi Trapp
Uwe Schmidt-Seffers Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Der Jahreswechsel ist für viele Menschen ein bevorzugter Termin für einen Neuanfang. „Doch erfolgreiche Selbstveränderungen gelingen eher durch viele kleine Schritte als durch einen einmaligen großen Sprung“, betont Uwe Schmidt-Seffers, Pastor in Nienhagen. Die Weisheit des Glaubens wisse um die Psychologie der Veränderung. Sie biete darum im Jahreskreis der christlichen Feste regelmäßige Zeiten der Selbstreflexion an. Die Adventszeit zum Beispiel sei als Zeit zur Besinnung gedacht, in der Menschen ihrer Sehnsucht nach einem erfüllten Leben nachspüren können. Erfolgreiche Selbstveränderungen gelingen eher mit niedrigem Energieeinsatz, aber mit fortlaufender Aufmerksamkeit.

„Wir sind alle geneigt, das eigentliche Leben hinten an zu stellen“, stellt auch Achtsamkeitstrainierin Lilian Bösche fest. „Wir verschieben alles und sagen: ,Wenn der Stress vorbei ist, nehme ich mir wieder mehr Zeit für meine Familie, meine Freunde‘ oder ,dieses Jahr werde ich Weihnachten besinnlich und ohne Hektik verbringen‘.Uns ist oft nicht bewusst, dass jetzt die Zukunft ist, die wir uns in der letzten Woche, im letzten Monat, im letzten Jahr versprochen haben“, so Lilian Bösche. Ihr Credo: Jetzt ist der einzige Moment, den wir haben, der einzige Moment, in dem wir wirklich lebendig sind. Achtsamkeit heißt, wach zu werden für diese Erkenntnis.

„Achtsamkeit ist eine Lebensaufgabe“, weiß die Trainerin. Sie muss in vielen kleinen Schritten erlernt werden, mindestens zwölf Wochen lang, so lange braucht das Gehirn für die Stabilisierung neuer Verknüpfungen, um dann eine neue Gewohnheit herauszubilden. Durch das achtsame Verrichten alltäglicher Tätigkeiten wie Spülen, Autofahren und Essen lasse sich bereits viel verändern. Auch die Wahrnehmung des Körpers spielt eine wichtige Rolle. In Stresssituationen im Job kann man sich zum Beispiel durch bewusstes Ein- und Ausatmen „erden“. „Der Atem ist ein Spiegel unserer Befindlichkeit“, so die Trainerin. Das bewusste Atmen hilft, aus dem Autopilot-Modus auszusteigen.

„Eine selbstkritische Bestandsaufnahme ist erforderlich, bevor man sich daran macht, anders zu leben,“ sagt Uwe Schmidt-Seffers. „Der Wunsch nach Veränderung muss einen berühren und unter die Haut gehen“, betont der Pastor und zitiert Antoine des Saint-Exupéry: „Wenn du ein Schiff bauen willst, trommle nicht die Menschen zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach einem weiten, endlosen Meer.“ Der Benediktinermönch Anselm Grün verfolgt laut Schmidt-Seffers einen anderen Ansatz: Für ihn sei es nicht allein eine Sache der Willensstärke, ob man einen Vorsatz ausführen kann. Ebenso wichtig sei eine kluge Lebensgestaltung. „Ihm helfen die Rituale des Alltags, seinem Leben eine Form zu geben.“ Für Anselm Grün sind regelmäßige Stundengebete kleine Inseln im Alltag, für andere empfiehlt sich vielleicht der Gang durch den Park in der Mittagspause. Ohne Form, so der Mönch Grün, kann sich kein erfülltes Leben entwickeln. Es zerrinnt sonst wie Wasser durch die Finger der Hand. So plädiert er dafür, dass sich jeder Mensch auf die Suche nach Ritualen macht, die zu ihm passen – und auf die er sich freuen kann.

Und für Lilian Bösche steht fest: „Achtsamkeit lehrt uns, die Realität so wahrzunehmen wie sie wirklich ist. Sie lehrt uns, an einer Art Fallschirm zu weben, der uns immer dann gute Dienste leisten kann, wenn sich das Leben mal wieder als schwierig erweist oder gar in die Brüche zu gehen droht.“

Gabi Trapp