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Celle Stadt Ackern mit oder ohne Chemie
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ackern mit oder ohne Chemie
14:59 15.06.2018
Quelle: Anke Schlicht
Celle Stadt

Für künstliche Beregnung zu sorgen, beschert den Bauern im Moment Zwölf-Stunden-Tage, ob die Betriebe auf biologischer Basis oder konventionell geführt werden, spielt dabei keine Rolle. Bei all den anderen Arbeitsgängen, die notwendig sind, um auf den Äckern gesunde und kräftige Pflanzen wachsen zu sehen, die in einigen Wochen eine gute Ernte garantieren, ist es hingegen von Bedeutung. Die Kulturpflanzen müssen geschützt werden vor Schädlingen, Krankheiten und Beikräutern. Wie bewältigt ein Biobauer diese Aufgabe, auf welche Weise ein konventioneller Landwirt?

„Man sieht es deutlich, hier ist der „Man sieht es deutlich, hier ist der Mais kleiner, die Problemkräuter entziehen Nährstoffe und vor allem Wasser“, erläutert Landwirt Cecil Leiffer aus Garßen. Der Maisacker liegt unmittelbar neben seinem Feld mit Rollrasen, auf dem er keine chemischen Pflanzenschutzmittel, also Herbizide, einsetzt. Beim Ausbringen des Pflanzenschutzes auf dem Maisfeld Anfang Mai hat er breiten Abstand gehalten, so dass einige unerwünschte Begleiter stehengeblieben sind, anhand derer er die Unterschiede im Wuchs der Kulturpflanzen anschaulich macht.

„Das Argument der Konkurrenz wird häufig vorgebracht, aber so schlimm ist das nicht“, sagt Inga Vellenga, was nicht heißt, dass sie und ihr Mann Ernst, die gemeinsam einen Biobauernhof in Endeholz führen, Beikräuter in ihren Beständen dulden. Sie verzichten komplett auf chemische Stoffe, was wiederum nicht gleichzusetzen ist mit dem ausschließlichen Einsatz mechanischer Methoden beim Kampf gegen Wildkräuter. „Wir striegeln selten, Getreide gar nicht“, berichtet Inga Vellenga. Als Demonstrationsobjekt hat sie einen Dinkelacker gewählt, der durchzogen ist von Kornblumen. Mohn und Margeriten setzen rote und weiße Akzente. „Man kann reingucken, Licht und Luft sind wichtig“, erläutert die Staatlich geprüfte Agrarbetriebswirtin mit Schwerpunkt Ökolandbau. Striegeln heißt, die unliebsamen Kräuter werden mechanisch entfernt, beim Überfahren werden sie aus dem Boden gerissen und vertrocknen, oder sie werden mit Erdreich verschüttet, so dass tiefkeimendes Kraut im Wachstum gehemmt wird.

Auf Mechanik verzichtet auch Cecil Leiffer nicht durchgehend, aber in erster Linie setzt er auf chemische Substanzen. Er hat Landwirtschaft studiert und führt nun den Familienbetrieb, den es bereits seit 1894 gibt, weiter. „Es ist nicht so, dass man wie ein Verrückter mit der Spritze rumfährt, vielmehr führe ich punktuell gezielte Maßnahmen durch, es wird mit Aufwandsmengen nicht um sich geschmissen, und zwar nicht nur, weil es auch Kosten sind“, beschreibt Leiffer sein Vorgehen beim Pflanzenschutz. „Wirkstoffwechsel in der Gruppe sind wichtig“, erläutert der Landwirt, „Toleranzen müssen vermieden werden.“

GLYPHOSAT UNDQUECKENKILLER

Der Wirkstoff, der zum Synonym für Pflanzengift geworden ist, führt in Leiffers Beständen ein Außenseiterdasein. „Nur bei Problemzonen, z.B. Quecke, wende ich das Totalherbizid Glyphosat an, und auch da sehr gezielt“, berichtet der junge Bauer. Auch für Vellenga ist Quecke ein rotes Tuch. In den Reihen der Kartoffelpflanzen haben sich auf den ersten Blick keine Eindringlinge breitgemacht. „Kartoffeln striegeln wir“, erläutert die junge Landwirtin. „Nur hier ist etwas schiefgegangen“, nimmt sie neben zwei mit Quecke durchsetzten Reihen in ihrem Kartoffelacker die gleiche kritische Haltung ein wie Cecil Leiffer neben seinem Mais. Vellengas Gegenmittel stammt aus Dänemark, ist auf dem deutschen Markt noch nicht sehr etabliert, und der Name kann durchaus in Konkurrenz treten zum Inbegriff für Gift: „Queckenkiller“ heißt das mechanische Werkzeug.

„Wir leben alle vom Boden, wir wollen ihn nicht zerstören“, sagt Cecil Leiffer, verweist auf die Restriktionen und geforderten Sachkundenachweise und lässt insgesamt keinen Zweifel am verantwortungsbewussten Umgang mit den Mitteln, die aus Sicht der konventionellen Landwirte ausschließlich schützende Wirkung haben. Auf der einen Seite wächst das Bewusstsein für unbelastete Lebensmittel, andererseits sind zahlreiche Experten der Meinung, es werde angesichts der wachsenden Weltbevölkerung niemals möglich sein, auf chemische Substanzen zu verzichten. Nicht durchgängig bauen sich diese schnell ab, oftmals verbleiben die Giftstoffe des Pflanzenbekämpfungsmittels noch für lange Zeit im Boden. Welchen Anteil chemische Pflanzenschutzmittel, deren Absatz in Deutschland zwischen 1994 und 2015 laut Umweltbundesamt von knapp 30.000 auf über 40.000 Tonnen gestiegen ist, am Insektensterben haben, lässt sich nicht beziffern. Die Ursachen sind vielfältig. Einem Totalherbizid wie Glyphosat Schuld am Schwund dieser Lebewesen zuzuschreiben, ist insofern nicht richtig, als dass speziell dieser Wirkstoff keine Insekten tötet. „Insektizide sind dosisabhängig für Bienen gefährlich. Glyphosat schädigt indirekt, da gegebenenfalls Nährpflanzen beseitigt werden“, sagt der Leiter des Celler Bieneninstitutes Dr. Werner von der Ohe.

ÄHNLICH ODERGANZ ANDERS?

„Man muss unterdrücken, was man nicht haben will“, erläutert die Biobäuerin. Und dieses geschieht im Ökolandbau einerseits über die Mechanik, aber mehr noch über den Erhalt und die Stärkung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit. „Die Bodenlebewesen dürfen nicht abgetötet werden“, ergänzt Vellenga. Ein Instrument ist die Fruchtfolge, d.h. der Wechsel von Nutzpflanzenarten auf einer landwirtschaftlichen Fläche innerhalb eines bestimmten Zeitraumes. Zwischenfrüchte, die auch Cecil Leiffer anbaut, erweitern die Fruchtfolge und verbessern somit die Bodenqualität.

Einige Aussagen der beiden jungen Landwirte sind fast identisch. „Man kann nicht im Bestand regulieren“, sagen beide. Die Kulturpflanzen müssen, sobald die Reihen geschlossen sind, so stark sein, dass sie sich im Konkurrenzkampf mit anderen durchsetzen und Krankheitsbefall widerstehen. Ihnen diese Kraft zu verleihen, darauf zielen sowohl Öko- als auch konventionelle Bauern ab. „Das ist nicht weiter schlimm, die Pflanzen sind nicht zuckersüß, wir haben keine Last mit Läusen“, antwortet Vellenga auf die Frage, wie sie gegen Schädlinge vorgehe, aber der Kartoffelkäfer ist durchaus ein Problem. „Wir kontrollieren regelmäßig die Blätter, wenn es nicht anders geht, setzen wir ein natürliches Mittel dagegen ein“, erläutert sie vor der Weiterfahrt zum Getreideacker, wo wiederum ein mit Leiffer identischer Satz fällt: „Das Fahnenblatt muss gesund und grün sein“, veranschaulicht sie am Dinkelhalm, was Leiffer an seiner Sommergerste demonstriert, mit der er in diesem Stadium sehr zufrieden ist, er hat sie zweimal mit einem Fungizid gegen Pilzbefall behandelt.

„Der Weg dahin ist ein anderer, aber das Produkt des konventionellen Bauern ist nicht so viel anders als das des Biobauern. So groß sind die Unterschiede nicht“, sagt Cecil Leiffer abschließend. Inga Vellenga weist auf einen bisher unerwähnt gebliebenen Aspekt hin: „Wir ernten nicht die Mengen, die unsere Nachbarn ernten“, betont sie und ergänzt: „Ökolandbau ist ein komplett anderer Ansatz.“

Fest steht, dass beide Landwirte die CZ-Aktion „Celle blüht auf“ unterstützen. Cecil Leiffer hat mit einer vom Ortsverband der CDU initiierten Aussaat vor den Toren seines Heimatortes dafür gesorgt, dass „Garßen aufblüht“, während der Hof Michael mit seiner natürlichen Arbeitsweise das Motto wie nebenbei überträgt auf das kleine Dorf, in dem alleine zwei der insgesamt 15 Ökobetriebe des Landkreises und der Stadt Celle ansässig sind. Wer spazieren geht oder Fahrrad fährt, kann es in diesen Tagen erleben: „Endeholz blüht auf“.

Von Anke Schlicht