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Celle Stadt Annäherungen an Tiefe und Zeit in Celler Galerie SchwarzKunst
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Annäherungen an Tiefe und Zeit in Celler Galerie SchwarzKunst
13:07 13.09.2017
In der Celler Galerie SchwarzKunst wurde eine Ausstellung mit Werken von Gert Wiedmaier eröffnet. Quelle: Robert Eller
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In der Kunst wird es für Modelle verwendet und im Wachsfigurenkabinett bietet es ob seiner sanften Formbarkeit die größte Annäherung ans Original. Um Annäherungen geht es auch in den Arbeiten von Gert Wiedmaier, der unter dem Titel „Randbemerkungen mit Aussicht“ aktuell in der Galerie SchwarzKunst ausstellt.

Die Serie der kleinformatigen Fotowachsobjekte mit dem Titel „Celler Blick“, die der Stuttgarter Künstler extra für die hiesige Ausstellung schuf, spielt mit dem Verhältnis von Bild und Betrachter, mit dem Changieren der Wahrnehmung, einer irritierenden Interaktion. Das Unvermögen klar zu sehen fordert den Betrachter heraus, sich intensiver auf das zu Sehende einzustellen. Erst versucht man noch, näher an das Bild heranzutreten, um sich sodann weiter von ihm zu entfernen.

Gerade in einer Welt der Bilderflut stellt sich eine visuelle Ohnmacht ein, die dazu animiert, sich anders auf das Objekt einzulassen. Es geht Wiedmaier gar nicht darum, Eins-zu-eins-Zuweisungen sichtbar zu machen. Hinter dem nebenbei sehr ästhetischen Schleier dieser milchig opaken Schicht, unter diesem in seiner geformten Stofflichkeit sinnlich daherkommenden Hauch weichen Porzellans entwickeln die ursprünglichen Bilder eine entrückt-magische und gleichsam starke physische Präsenz. Auch erwecken sie eine haptische Lust durch ihre abgerundeten Formen. Erwachsen aus einem Prozess des Verhüllens und Überdeckens, entstanden dadurch, dass Wiedmaier mit dem Pinsel in unzähligen dünnen Schichten lasierend heißes Wachs auftrug, haben sich die Objekte im Sinne von Graubners Begriff der Farbraumkörper ein Eigenleben erarbeitet, das in seiner Materialität die Energie gespeichert hat, die dazu nötig war. Magisch verströmen die Werke, von Wiedmaier „Malerei“ genannt, Momente ihrer energetischen Aufladung und ziehen den Betrachter zugleich durch eine paradoxe Parallele mit der Industrie-Ästhetik eines modernen Smartphones an. Hier der visuelle Rückzug, dort die sekundenschnelle Bildinfo und immer die Frage nach Realität und Illusion.

Ebenfalls mit visueller Irritation arbeitet der Werkzyklus „Randbemerkungen mit Aussicht“ des Fotokünstlers. Es sind Mehrfachbelichtungen, die nicht etwa als digitale Nachbearbeitungen im Studio, sondern direkt vor Ort in der Kamera entstehen. Urbane Fern- und gezoomte Nahsichten gehen hier spannende Symbiosen ein, so wenn die Struktur von Asphalt die Silhouette überzieht. Auch der Mensch, in einer weiteren Serie fotografisch isoliert und anonymisiert, durchlebt für den Betrachter unscharf erkennbar sein urbanes Dasein – irgendwo, nirgendwo unter Wachs. Eine kleine Serie von Arbeiten von Wiedmaier kommt unbearbeitet daher.

Von Aneka Schult