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Celle Stadt „Antisemitismus ist salonfähig geworden“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Antisemitismus ist salonfähig geworden“
21:53 15.11.2018
Nach ihrem Vortrag in der Celler Synagoge stellt sich Ricarda Theiss den Fragen und Kommentaren der Besucher. Quelle: Peter Bierschwale
Celle

Immer wieder haben antisemitische Straftaten in jüngster Vergangenheit die deutsche Öffentlichkeit aufgescheucht und verunsichert. Insoweit besaß der mit dem Titel „Mach mal keine Judenaktion“ angekündigte Vortrag über deutschen Antisemitismus besondere politische Brisanz. Referentin Ricarda Theiss trug in der gut besuchten Celler Synagoge erschreckende Thesen der Antisemiten über „die Juden“ vor und zeigte entsprechende Karikaturen und Hasskommentare.

Theiss, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der „Frankfurt University of Applied Sciences“, war kurzfristig für ihre erkrankte Chefin, die Professorin Julia Bernstein, als Referentin eingesprungen. Bernstein hatte zusammen mit Theiss und anderen unter dem nicht so griffig klingenden, aber seriösen Titel „Jüdische Perspektiven auf Antisemitismus in Deutschland“ einen Studienbericht für den Expertenrat des Bundestages verfasst.

Juden zu Antisemitismus befragt

Hinter diesem Titel verbarg sich, dass die Forscher einen Wechsel der Perspektive vorgenommen hatten. Sie fragten nicht die Einstellungen der deutschen Bevölkerung zum Judentum ab, sondern die persönlichen Erfahrungen der in Deutschland lebenden Juden mit dem Antisemitismus. Die Ergebnisse der Befragungen waren bedrückend:

So sahen 90 Prozent dieser Juden den Antisemitismus als Problem an und 70 Prozent hatten Anfeindungen in den sozialen Netzwerken erlebt. 45 Prozent der Befragten fürchteten in naher Zukunft einen körperlichen Angriff auf ein Familienmitglied.

Weit verbreitet in arabisch-muslimischer Welt

Der Antisemitismus sei wieder „salonfähig“ geworden, meinte Theiss und brachte einige Beispiele dafür, mit was Juden konfrontiert würden. Das gehe nicht nur von der deutschen Bevölkerung aus. Besonders in der arabisch-muslimischen Welt sei der Antisemitismus überaus stark verbreitet, und das sei auch bei den Muslimen in Deutschland zu spüren. Aufgrund dieser Befürchtungen werde die eigene jüdische Identität oft verschwiegen, so die Expertin.

„Jude“ werde immer noch als Schimpfwort gebraucht und der Antisemitismus mit unausrottbaren Legenden und Schmähungen angestachelt: Da gebe es die „Ritualmordlegende“, nach der Juden „Kindermörder“ seien. Eine türkischstämmige Schülerin habe ernsthaft vorgetragen: „Israelische Soldaten essen Kinder!“ Das habe sie bei einem arabischen TV-Sender erfahren. Theiss trug noch viele andere absurde Legenden vor und veranschaulichte sie mit Karikaturen, beispielsweise über den „unermesslichen Reichtum aller Juden“.

Holocaust stärker in Schulen thematisieren

Nach ihrem Vortrag stellte sich die Referentin den Fragen und Kommentaren der Zuhörer. Die brachten erst einmal ihr Entsetzen über die vorgestellten Ergebnisse zum Ausdruck. Einigkeit bestand bei allen Anwesenden, dass Holocaust und Antisemitismus sehr viel stärker ins Zentrum der Lehrerausbildung und der Lehrpläne gestellt werden müssten. Es gebe bereits gute Unterrichtsmaterialien, aber die würden von den Schulen „nicht abgerufen“, sagte Theiss.

Von Peter Bierschwale

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