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Celle Stadt Arme Cellerin: „Ich fürchte mich vor Weihnachten“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Arme Cellerin: „Ich fürchte mich vor Weihnachten“
20:55 28.11.2014
Quelle: CZ
Celle Stadt

Verena Baumann (Namen von der Redaktion gerändert) sitzt blass und matt, eingerahmt von Umzugskisten, auf dem abgewetzten Sofa. Das Teil hat ihr, ebenso wie den alten Gasherd und ein paar wackelige Regale, der Vormieter überlassen. Die 31-Jährige ist froh, überhaupt ein paar Möbel zu haben. Aus dem Nebenzimmer sind lauter werdende Kinderstimmen zu hören, bis schließlich einer weint. Seufzend steht die Mutter auf um nachzusehen.

Die junge Frau wirkt erschöpft und antriebslos. Ihr rechtes Bein schont sie noch immer ein wenig. Dort ist nach langer Behandlungsdauer eine entzündete Verletzung endlich am Heilen. Die psychischen Symptome lassen sich leider viel schwieriger in den Griff bekommen – noch immer muss sie gegen ihre depressiven Phasen ankämpfen. „Die Tablette und die Therapie helfen zwar ganz gut, aber die Mittel für mein Bein machen mich matt, ich hab abwechselnd Magen- und Kopfschmerzen. Das ergibt eine Mischung, gegen dich ich nur sehr schwer ankämpfen kann.“

Dabei soll doch nun, mit der neuen kleinen Wohnung und dem Umzug, der erste Schritt in eine bessere Zukunft gemacht werden. Verena Baumann kommt mit der kleinen Elise auf dem Arm zurück. Die Zweijährige beruhigt sich nur schwer. „Ihr Bruder hat sie mal wieder geärgert“, erklärt die erschöpfte Mutter. Sie macht sich große Sorgen um ihren Sohn Max (6). „Er verkraftet den plötzlichen Weggang seines Vaters ziemlich schlecht. Der hat jeden Kontakt, auch zu den Kindern, abgebrochen.“ Jetzt entwickelt Max Aggressionen, die er auch im Kindergarten auslebt. „Die Erzieherin hat mich schon mehrmals darauf angesprochen, aber was kann ich tun?“

Mit Hilfe des Jugendamts und sozialer Unterstützung hat es die Frau geschafft, sich aus der Betäubung zu lösen, die der plötzliche Weggang ihres Mannes hinterließ. Nun will sie sich Schritt für Schritt ein neues Leben aufbauen. „Das ist gar nicht so leicht, wenn einen ständig neue Probleme zum Stolpern bringen“. Bis die Kleine in den Kindergarten geht und sich die Lage entspannt, kann sich Baumann keine Arbeit suchen. Ihre Depressionen hofft sie bis dahin in den Griff bekommen. Solange ist die Familie von Sozialhilfe abhängig. Beim Mann ist nichts zu holen, die längst geschiedenen Eltern von Baumann leben in neuen Partnerschaften: „Zu beiden gibt es kaum einen Bezug“.

Der Neuanfang ist schwer, die kleine Dreizimmerwohnung ist inzwischen mit dem Notwendigsten ausgestattet. Von einem gemütlichen Zuhause kann noch keine Rede sein. „Ich fürchte mich vor Weihnachten“, bekennt die Alleinstehende. „Da kommt alles noch mal hoch. Der Umzug und die gebrauchten Möbel haben jeden Euro verbraucht, wovon soll ich den Kindern Geschenke kaufen oder auch nur was Leckeres zu essen?“ Alle drei hätten Trost und Entspannung dringend nötig. Zu allem Übel ist der geschenkte Gasherd nicht mehr einsatzfähig – Verena kocht derzeit auf einer geliehenen Kochplatte. „Dabei hatte ich mich so auf das gemeinsame Plätzchenbacken gefreut“.

Von Doris Hennies