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Celle Stadt Arno Schmidt als Ohrenschmaus im Celler Schloss
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Arno Schmidt als Ohrenschmaus im Celler Schloss
16:05 28.04.2016
Celle Stadt

Wirklich gebannt hing am Mittwochabend das Publikum im Rittersaal des Celler Schlosses an den Lippen von Bernd Rauschenbach. Der versierte Rezitator und Literaturwissenschaftler las aus Arno Schmidts Roman „Das steinerne Herz“. Mit seiner gekonnten Phrasierung des typischen, reichlich zerklüfteten Textbaus Schmidts gelang es ihm schnell, die Menschen im Saal zu faszinieren und Lust auf mehr zu machen.

Die Romanhandlung spielt im Jahr 1954. Protagonist und Ich-Erzähler Walter Eggers fährt auf der Suche nach dem Nachlass des hannoverschen Statistikers Curt Heinrich Conrad Friedrich Jansen (1798–1861) nach Ahlden und mietet sich bei einer Enkelin Jansens, Frieda Thumann, und deren Mann Karl, einem Lastwagenfahrer, ein. Wie erhofft befindet sich auf dem Dachboden des Hauses eine Bücherkiste. Eggers kann einen ersten Blick hinein riskieren, bekommt die Aufzeichnungen aber dann – zum Liebhaber avanciert – von Frieda nur Stück für Stück ausgehändigt.

Die erste Auflage von „Das steinerne Herz“ wurde von Schmidt selbst noch an politisch, religiös und sexuell „anstößigen“ Stellen entschärft. Erst 30 Jahre später erschien im Rahmen der Bargfelder Ausgabe eine unzensierte Urfassung, die zudem Autorenkorrekturen aus späteren Textstadien berücksichtigt.

Bernd Rauschenbach studierte Germanistik und Bibliothekswissenschaften in Berlin. Seit 1975 veröffentlicht er literarische Werke und wurde 1982 Sekretär, 2001 geschäftsführender Vorstand der Arno-Schmidt-Stiftung. Die Zuhörer bekamen nur Passagen des Romans vorgetragen. Die wurden – auf solch eindrucksvolle Weise „kredenzt“ – zu einem echten „Ohrenschmaus“. Kaum einem gelingt es so großartig, die geschachtelten, abweichenden Betrachtungen in Schmidt-Texten so verständlich zu entwirren. So war es kaum verwunderlich, dass der Applaus am Ende lang war.

Die Lesung gehört zu einer Reihe von Veranstaltungen, die zu Ehren des 350. Geburtstags der Prinzessin Sophie-Dorothea vom Residenzmuseum ausgerichtet werden. Denn wie ein roter Faden zieht sich durch den Schmidt‘schen Roman auch die Geschichte der Prinzessin, die zu ihrer Zeit wegen Ehebruchs lebenslang im Ahldener Schloss gefangen gehalten wurde. Gastgeberin Juliane Schmieglitz-Otten zeigte sich sehr glücklich, zum einen über die große Besucherzahl und über die vielfach geäußerte Begeisterung über diesen Abend.

Von Doris Hennies