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Celle Stadt Arno Schmidt nahezu ungestört in Bargfeld
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Arno Schmidt nahezu ungestört in Bargfeld
16:42 16.06.2017
Celle Stadt

Als dieser 1957 zum ersten Mal nach Bargfeld kam, ging ihm das Herz auf, sehnte er sich doch nach der norddeutschen Tiefebene und wollte unbedingt raus aus dem „Nest Darmstadt“, vor dem er sich zu ekeln begonnen hatte. Aber sein Blick auf die Bewohner Bargfelds war schonungslos. „70 Prozent Nazis“, schrieb er nieder, wie er stets alles auf Papier bannte – die von den Vorstandsmitgliedern der Arno-Schmidt-Stiftung Jan Philipp Reemtsma, Joachim Kersten und Rauschenbach gelesenen Auszüge aus dem Tagebuch und Briefen belegen es.

Selbst vor Zahlen schreckte der Meister der Worte nicht zurück. Es finden sich detaillierte Angaben über Entfernungen zur nächsten Bahnstation, Fernsprecher beim Kaufmann, Quadratmeter seines neuen Hauses, Höhe der Umbaukosten. „Das ganze Dorf hat Vorschuss kassiert“, schrieb er, die beauftragten örtlichen Handwerker betreffend. Seine Frau Alice vermerkte, sie sei froh, dass der Winter endlich einbreche. Dann könne man die Renovierung aussetzen, das Geld wurde knapp. Zu diesem Zeitpunkt hatte ihr Mann sein Herz bereits voll und ganz an den kleinen Heideflecken verloren. „30 Prozent SPD-Wähler gibt es hier“, hielt er 1958 für hervorhebenswert und verkündete es seinen Korrespondenzpartnern. „Auspacken, saufen, frieren“, schrieb er im Dezember 1958 ins Tagebuch. In Variation verlieh er der Mischung aus Freude über das neu bezogene Heim und dem dennoch nicht ganz einfachen Leben dort ohne Bad und Heizung mit dem Satz Ausdruck:„Ich schlafe allein in meinem Hause – kalt, still“.

Eine vergebene Chance, dass die Halle 19 nicht bis auf den letzten Platz gefüllt war, denn die von Fanny Esterházy herausgegebene Biographie und die Art, wie sie präsentiert wurde, boten viel für alle, die keine Schmidt-Kenner sind. Nicht seine von manchem als kompliziert empfundenen Romane und Erzählungen standen im Mittelpunkt, sondern der Mensch Arno Schmidt. Die Kostbarkeit seines noch ungeborenen Werkes einerseits und die Empfindsamkeit des Mannes andererseits zeigen sich an der Suche nach absoluter Stille.

Selbst das wenige Seelen beheimatende Dörfchen Bargfeld hielt Störquellen bereit: „Zu Spitzenzeiten lassen mich die Landmaschinen nicht zur Ruhe kommen“, notierte der Meisterschreiber.

Von Anke Schlicht