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Celle Stadt Aufeinander zugehen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Aufeinander zugehen
16:25 27.09.2018
Mit einem Sommerfest unter freiem Himmel wurde das 30-jährige Bestehen von „Projekt Brückenbau“ gefeiert. Quelle: Lothar H. Bluhm
Celle

Da sind sich alle einig: Staatssekretär, Landessuperintendent, Vereinsvorsitzender, Geschäftsführer, Ehrenamtliche und Betroffene loben die Arbeit des Projektes Brückenbau – auch jetzt nach 30 Jahren. 1988 gegründet, würde kürzlich die Arbeit der Celler Anlaufstelle für Straffällige als Erfolgsgeschichte gewürdigt. Wie seit Jahren mit einem Sommerfest unter freiem Himmel.

Mit Musik, wie „99 Luftballons“ und „Bruttosozialprodukt“, wie „Abenteuerland“ und „Freiheit“ von Marius Müller-Westerhagen hat der Celler Friedhelm Keil in verschiedenen Medleys musikalisch den zeitlichen Bogen gespannt über die vergangenen drei Jahrzehnte. Über Freude an der Arbeit, über Gottesdienste, Begegnungen, Frustrationen, hohe Ziele, Alltag, Hoffnung und Enttäuschung, unzählige Gespräche, Begleitungen zu Behörden, Besuche bei Angehörigen und Wohnungssuchen. „Immer mit einem Ziel: Miteinander leben lernen“, wie mehrfach zu hören war.

Den Weg in die
Herzen finden

Entsprechend groß steht das Ziel dann auch in dicken Lettern auf dem breiten Transparent hinter dem kleinen Rednerpult. „Miteinander leben lernen musste ich erstmal lernen“, blickt Angelika Cords auf die Anfangszeit ihres ehrenamtlichen Engagements zurück. „Wie finde ich den Weg in die Herzen“, fragte sie sich immer wieder, wenn sie an die zahlreichen Begegnungen mit Straffälligen der Justizvollzugsanstalt Celle denkt.

Begegnungen und Gesprächskontakte stehen auch heute im Mittelpunkt der Arbeit des Projektes Brückenbau, das eine von insgesamt 14 Anlaufstellen für Straffällige in Niedersachsen ist. „Wir beraten und begleiten straffällig gewordene Menschen und ihre Angehörigen vor Ort im Landkreis Celle mit einem individuellen Beratungs- und Betreuungsangebot“, heißt es. „Unser Unterstützungsangebot umfasst alle Lebensbereiche und ist immer vertraulich und auf freiwilliger Basis.“

Dabei kooperiert das Projekt Brückenbau mit den sozialen Diensten des Strafvollzuges und mit dem ambulanten Justizsozialdienst. „Wir sind eng vernetzt mit staatlichen und freien Einrichtungen und vermitteln bei Bedarf gezielt in weitere Hilfsangebote.“

„Projekt
Geldverwaltung“

Zum Beispiel die Vermeidung von Ersatzfreiheitsstrafe: Kann ein Verurteilter eine vom Gericht verhängte Geldstrafe nicht bezahlen, tritt an deren Stelle eine Ersatzfreiheitsstrafe. Dies führt dazu, dass Menschen, deren Inhaftierung eigentlich gar nicht beabsichtigt und erforderlich ist, Haftplätze belegen. Durch das „Projekt Geldverwaltung“ können durch ratenweise Abzahlung Freiheitsstrafen vermieden werden. „Häufig ist die offene Geldstrafe nur eines von mehreren Problemen der Personen“, heißt es im aktuellen Brückenbau-Jahresbericht. Von diesem Angebot machten im vergangenen Jahr 37 Personen mit zusammen 46 Geldstrafen Gebrauch.

Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 127 Personen betreut, davon 14 Frauen. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter haben über 8000 Gesprächskontakte mit Inhaftierten und Angehörigen wahrgenommen. Sieben einmalige Kontakte, elf kurzzeitige Kontakte bis zu drei Monaten und 109 längerfristige Kontakte, die drei Monate und länger bestanden.

Projekt-Geschäftsführer Otfried Junk: „Unsere Idee ist, Menschen die in Haft sind, zu helfen, wieder Fuß zu fassen.“ Man sei Bindeglied zwischen dem Strafvollzug und der Gesellschaft und somit Teil des Resozialisierungsansatzes der Politik. Man unterstütze inhaftierte Menschen. Allerdings: „Die Schuld von Straftätern wollen wir nicht verharmlosen. Sie müssen die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen.“, so Junk. Aber irgendwann lassen die Menschen das Gefängnis hinter sich zurück und werden wieder Nachbarn. „Wir möchten, dass sie es schaffen, ihr Leben neu auszurichten – ohne neue Straftaten. Wo das gelingt, bleibt uns allen vieles erspart: der Schaden anderer Menschen, auch Steuergelder für das Leben in Haft.“

Entstanden ist das Projekt Brückenbau 1988 als Tochterverein des Schwarzen Kreuzes. Das leistete damals eine umfangreiche überregionale Arbeit, bundesweit suchte und begleitete es Ehrenamtliche für die Straffälligenhilfe, baute Arbeitskreise auf, vermittelte und begleitete Briefkontakte zwischen Ehrenamtlichen und Gefangenen. „Täglich standen Entlassene und Angehörige vor der Tür, Inhaftierte der Celler Gefängnisse wurden betreut und Kontakte zu Behörden gepflegt“, erinnert Otfried Junk, der bereits 1988 dabei war, an die Anfänge. Schon damals war die Idee „Miteinander leben lernen“ das Ziel des Vereins. „Das erfordert von allen Seiten die Bereitschaft, Vorurteile über Bord zu werfen und aufeinander zuzugehen“, so Junk.

Anlaufstelle hat sich zur festen Größe entwickelt

„Wir fühlen uns mit Ihrer Aufgabenstellung sehr verbunden“, betonte dann auch der Staatssekretär im Niedersächsischen Justizministeriums, Stefan von der Beck. Die Anlaufstellen hätten sich zu einer festen Größe entwickelt, die nicht mehr wegzudenken sei. Gerade die vielfältigen Angebote, wie Kreativcafé, Gesprächskreise, Unterstützung bei der Wohnungs- und Arbeitssuche, Schul- und Gemeindebesuche tragen dazu bei.

Zwar würden gelegentlich immer wieder Forderungen nach härteren Strafen in einzelnen Fällen laut, „aber die Landesregierung hält die Reflexe für unberechtigt“, sagt von der Beck. Es sei ein ständiges Abwägen. „Das Sicherheitsinteresse und der Schutz der Bevölkerung vor gefährlichen Straftätern steht im Fokus der Politik.“ Aber: „Man kann Menschen nicht für immer wegsperren. Wir haben eine Verantwortung, und der Resozialisierungsgedanke muss betont werden.“

Zuvor besuchte von der Beck die Justizvollzugsanstalt Celle und informierte sich vor Ort über die räumliche und technische Ausstattung, die besonderen Sicherheitsstandards und die angebotenen Fördermöglichkeiten für Gefangene. Während eines Rundgangs standen die vollzuglichen Bedingungen in der Sicherheitsstation und die Behandlungsangebote der sozialtherapeutischen Abteilung besonders im Fokus. Einen vertieften Eindruck über die Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten für Gefangene erhielt von der Beck am Beispiel der Schlosserei und der Tischlerei. In diesen Eigenbetrieben werden Grillgeräte zum Verkauf sowie Büromöbel für Gerichte und Staatsanwaltschaften produziert.

Der Staatssekretär zeigte sich zudem beeindruckt vom Engagement, mit welchem die Belegschaft die vielfältigen Aufgaben und täglichen Herausforderungen bewältigt: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der JVA Celle fördern mit großer Motivation die Resozialisierung der Gefangenen und verbessern dadurch deren Aussicht auf ein künftig verantwortungsvolles und straffreies Leben.“

Wie von der Beck sagte, habe das Land jährlich 1,5 Millionen Euro für die Arbeit sämtlicher Anlaufstellen in Niedersachsen eingeplant. Für 2019 erwartet der Staatssekretär eine Steigerung von 13 Prozent: „Wir werden Ihre Arbeit also auch weiterhin unterstützen.“ Straffälligenhilfe sei gleichzeitig Opferprävention.

Aus Sicht der Kirche stellte Landessuperintendent Dieter Rathing vom Sprengel Lüneburg dar, dass bereits die Bibel im Zusammenhang mit dem Brudermord Vergebung für den Täter deklariert. Die Arbeit vom Projekt Brückenbau sei als christliches Wirken zu verstehen.

Von Lothar H. Bluhm

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