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Celle Stadt Aus Celle zur EXPO in Shanghai
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Aus Celle zur EXPO in Shanghai
13:55 01.11.2010
Hat auf der EXPO 2010 in Shanghai gearbeitet: Fahrer Peter Wolkowicz vor dem Deutschen Pavillon „balancity“. - Quelle: nicht zugewiesen
Celle Stadt

Herr Wolkowicz, siebeneinhalb Monate beruflich in Shanghai - das muss doch ein Traum sein?

Das kann man so nicht unbedingt sagen. Shanghai ist aufregend – eine Stadt der Superlative in allen Hinsichten, aber das kann auch seine Schattenseiten haben. Ich denke da zum Beispiel an den Stress, den ich als Fahrer im Straßenverkehr erlebe. Außerdem ist es eine extrem konsumorientierte Stadt. Ihr fehlt manchmal das, was ich an China so charmant finde: die freundlichen Leute, die Genügsamkeit der Chinesen, das leckere Essen. Dennoch ist es ein einzigartiger Ort mit den krassen Kontrasten, die so exemplarisch für das heutige China sind: die Mischung aus Alt und Neu, aus Wolkenkratzern und kleinen Büdchen, schicken Bars und endlosen, ranzigen Vororten.

Warum haben Sie sich bei der EXPO beworben?

Weil es perfekt zwischen mein Bachelor- und Master-Studium passte – und weil es in China ist. Wäre die EXPO in einem anderen Land gewesen, hätte ich mich wohl nicht beworben.

Deutschland präsentiert sich weltoffen, innovativ und zukunftsorientiert: Wie reagieren die Besucher darauf?

Das Pavillonkonzept ist eines der besten auf der EXPO. Von anderen Teilnehmern bekommen wir extrem positives Feedback. Andererseits finde ich es schade, dass einige den Inhalt gar nicht tiefer gehend wahrnehmen. Diese meist chinesischen Besucher eilen durch die Ausstellung, fotografieren, was das Zeug hält, stempeln ihren EXPO-Pass als Souvenir und hetzen weiter. Das liegt vielleicht an der Zeit: Drei, vier Stunden Wartezeit beschränken die Möglichkeiten für einen einzigen Besuch – vielleicht aber auch daran, dass mancher einfach kurzweiliges Entertainment sucht: Schloss Neuschwanstein, Lederhosen, Weißbier und einen Gartenzwerg, und da spielen Weltoffenheit, Innovation und Zukunftsorientiertheit nur eine Nebenrolle. Zum Glück bedient der Deutsche Pavillon aber gekonnt beides: Information und Interaktivität.

Entspricht die Ausstellung Ihrem eigenen Bild von Deutschland?

Schwer zu sagen. Mein eigenes Bild ist ja nun mal relativ selektiv. Ich finde, dass der Pavillon nicht zu klischeebelastet, aber auch nicht zu speziell ist. Wir haben von Nachhaltigkeitskonzepten und High-Tech über Kultur und Entertainment alles dabei und geben so ein ziemlich breites Deutschlandbild. Vor allem im Vergleich zu anderen, manchmal sinnleeren Pavillons, finde ich unseren sehr gut.

Ist es Ihre erste EXPO?

Als Arbeitnehmer ja, aber ich habe die EXPO 2000 in Hannover besucht. Die Weltausstellungen lassen sich weder von der Besucherzahl noch von den Inhalten miteinander vergleichen.

Haben Sie sich die Volksrepublik so vorgestellt?

Ich war ja bereits in China... Aber wo Sie so schön Volksrepublik sagen: Ich hatte früher ein völlig anderes Erwartungsbild. Kommunismus, Reisessen, Stäbchen, Fahrräder, unberührte Natur. Und dann: Vollkonsum, Mega-Citys, McDonalds-Dichte. Natürlich ist das nur ein Ausschnitt von dem, was ich mit China verbinde. Aber zurück zu Ihrer Frage: So hätte ich mir die Volksrepublik in meinen wildesten Träumen nicht vorgestellt!

Welche Begebenheit möchten Sie nicht missen?

Beim Besuch unseres damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler habe ich die Beamten des Bundeskriminalamtes gefahren. Sie haben ein paar Anekdoten zum Besten gegeben und alles geduldig erklärt. Das war schon ein Highlight.

Im November werden Sie zurückkehren: Worauf freuen Sie sich am meisten?

Ich weiß nicht, ob ich mich darauf freuen soll. Deutschland hat andere Qualitäten als China. Schwarzbrot und Leitungswasser sind eine tolle Sache, ja. Aber die Arbeit hier hat mir zu denken gegeben. Möchte ich in China bleiben? Kann ich hier nach meinen Vorstellungen arbeiten und leben? Manchmal denke ich, dass ich Land, Leute und Kultur durchblickt habe. Dann passe ich vor Übermut nicht auf – und fange mir einen ein.

Solange China mir Fragen aufwirft, sind wir beide wohl noch längst nicht am Ende unserer Beziehung.

Von Fremdfotos / Texte Eingesandt