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Celle Stadt Aus Gedichten werden Miniopern im Celler Beckmannsaal
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Aus Gedichten werden Miniopern im Celler Beckmannsaal
13:43 11.09.2017
Der aus Celle stammende Bariton Dietmar Sander und die aus Wien stammende Sopranistin Viktoria Car präsentierten gemeinsam mit Juliane Busse am Flügel sechs Schubertiaden im Beckmannsaal. Quelle: Michael Schäfer
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Davon zeugte in besonderem Maße der chronologisch aufgebaute Liederabend „Der einsame Wanderer“ am Freitag im Beckmannsaal, der ersten von sechs „Schubertiaden“, in deren Verlauf Schuberts Lieder von dem Celler Bariton Dietmar Sander und seiner Partnerin, der Wiener Sopranistin Viktoria Car, unter verschiedenen Aspekten vorgestellt werden.

Dieser erste Abend war vielversprechend. Ein akribisch und detailliert durchgestaltetes Liederprogramm und eine mit viel Beifall bedachte interpretatorische Leistung. Das Motiv des Wanderns berührt das zentrale Anliegen der Romantik: Der Mensch als Verlorener, als Heimatloser, den aber alle guten Kräfte in eine (unbekannte) Heimat ziehen, wo er der bessere Mensch sein darf. Das Leben als Reise, die Reise als Ziel. Trefflich ergänzt durch Tagebucheinträge und Briefauszüge, Träume und Gebete des Komponisten brachten Sander und Car wechselweise 16 seiner Lieder zu diesem Thema zu Gehör, darunter „Schäfers Klagelied“, „Wanderers Nachtlied“ und – im Duett – „Der Tod und das Mädchen“. Doch während die Liedvorträge im doppelten Sinne bestens beim Publikum „ankamen“, waren die nicht weniger nuanciert vorgetragenen Wortbeiträge akustisch leider nicht für jedermann verständlich. Ein vermeidbares Manko, das man durch Zuhilfenahme eines Mikrofons bei den noch folgenden fünf Schubert-Abenden ausschließen sollte.

Als Mentorin dieser musikalisch ungemein fesselnden Schubert-Darbietungen ist die Bremer Pianistin Juliane Busse zu nennen, die auch die Klavierbegleitung übernommen hatte und jede Ausdrucksfaser der Schubertschen Kleinode technisch brillant auszuloten wusste. Das Orchestrale der Klaviersätze betonte sie genauso farbenreich wie die intimen kammermusikalischen Stimmungen, so dass im Zusammenspiel mit der ausdrucksstarken Gestaltung durch die Gesangsstimmen unerhört dichte und klangschöne Wiedergaben von Schuberts Liedern entstanden.

Die Interpretationen erfolgten mit feinsten Nuancierungen zwischen lyrischer Hingabe und expressiven Ausbrüchen und gerieten – dramatisch-intensiv ebenso wie fein-zerbrechlich – quasi zu Miniopern, wobei das ganze Spektrum theatralischer Farben genutzt wurde. Jedes Wort der Dichtungen wurde durch die Musik mit Emotion und Bedeutung gefüllt. So wurde auch das scheinbar unbedeutendste Nachspiel noch zum gewichtigen Schubert-Zeugnis. Dabei war es mehr als beachtlich, wie differenziert Car und Sander mit der Sprache umgingen und wie prägnant sie auch in den zum Teil sehr hohen Lagen zu vokalisieren vermochten. Wie schön, dass es noch Sänger(innen) gibt, die das Kunstlied als anspruchsvolle Aufgabe mit dem gebotenen Respekt behandeln.

Von Rolf-Dieter Diehl