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Celle Stadt Aussteiger klärt Schüler auf
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Aussteiger klärt Schüler auf
19:56 22.04.2016
Aussteiger Chris berichtet den fast 300 zuhörenden Schülern über seine Vergangenheit in der rechten Szene. Quelle: Michael Schäfer
Celle Stadt

Sein Weg in die rechte Szene begann mit einer Lese- und Rechtsschreibschwäche, die festgestellt wurde, als er neun Jahre alt war. Chris ist heute 28 Jahre alt und arbeitet selbstständig als Fahrzeugüberführer. Er hat mehrere abgeschlossene Berufsausbildungen, kommt aus Sachsen und war bis vor drei Jahren in der rechten Szene aktiv. „Ich war ein überzeugter Nationalsozialist, ein NS“, wie er sagt. Chris ist ausgestiegen und klärt nun auf Präventionsveranstaltungen über die Gefahren der rechten Szene auf. So kam er am Mittwoch nach Celle, um im Rahmen der „Aktionswochen gegen Rechtsextremismus“ in der CD-Kaserne vor fast 300 Celler Schülern über seine rechte Vergangenheit zu sprechen.

Chris kommt aus einem normalen Elternhaus, seine Eltern arbeiteten im Schichtdienst in sozialen Pflegeberufen. „Ich hatte, als ich neun war, einen Sandkastenfreund, der einen großen Bruder hatte. Dieser Bruder half mir, richtig schreiben und lesen zu lernen. Ich war dankbar für die Hilfe und merkte anfangs nicht, dass er mir zum Üben rechtsextreme Literatur vorlegte“, erzählt Chris den Schülern. Es ist still im Saal der CD-Kaserne. Alle Schüler hören gespannt zu.

Der Bruder des Freundes von Chris war in einer Skinhead-Gruppe und übte mit dem damals neunjährigen Chris zwei- bis dreimal die Woche das Lesen. „Nach und nach rutschte ich da rein. Ich interessierte mich schon immer sehr für Geschichte, und als ich etwa 13 Jahre alt war, entschied ich mich ganz bewusst für die NS-Ideologie und begann, mich aktiv in der Szene zu engagieren“, sagt Chris.

Im Laufe der Jahre rekrutierte er andere Schüler, die hinter dem Rücken von Lehrern und Eltern wiederum Mitschüler beispielsweise bei Hausaufgabenhilfen mit der rechten Szene in Kontakt brachten, berichtet Chris. Er baute Stammtische und rechte Netzwerke mit auf, war jedes Wochenende auf Demonstrationen, Trauermärschen und Kundgebungen und verteilte Flugblätter. Auch auf Schulhöfen warb seine Gruppe unerkannt um Nachwuchs, so Chris.

„Erst als ich fast 15 war, merkten meine Eltern, dass ich rechtsorientiert bin. Ich habe das gut versteckt. Und als sie es merkten, konnten sie nichts mehr dagegen machen. Wenn Eltern es nicht im ersten halben Jahr merken und eingreifen, ist es oft zu spät. Die Szene hat eine große Anziehungskraft und großen Einfluss. NS ist eine eigene, geschlossene Welt“, erzählt Chris.

Er sei mit der Ideologie in seiner Jugend aufgewachsen und habe die Regeln befolgt: Keine englischen Wörter benutzen, keine amerikanische Musik wie Hip Hop hören, nichts Ausländisches essen wie Döner. „Wir sind vereidigt worden auf einem Deutschen Soldatenfriedhof. Wir mussten einen Hitlergruß machen und einen Eid schwören. Das Weltbild hat für mich Sektencharakter. Wenn du dir die Werte nicht aneignest, wirst du nicht lange geduldet. Entweder bist du für das Weltbild und die Bewegung oder dagegen. Wenn du dagegen bist, bist du ein Feind, wenn du austrittst, bist du ein Verräter“, sagt Chris rückblickend.

In Sachsen sei es leicht, rechte Strukturen aufzubauen, erklärt der 28-Jährige. „Wir haben auch sogenannte Selbstreflexionen gemacht, bei der jedes Mitglied sagen musste, warum es rechts ist, welche Paragrafen des Grundgesetzes abgeschafft werden sollten und was das Ziel des NS ist. Das Endziel der Bewegung ist es, die Bundesrepublik, die Demokratie und die Verfassung abzuschaffen. Wenn Leute nichts für die Bewegung tun, werden sie fallen gelassen. Du persönlich bist nichts, die Bewegung ist alles“, berichtet Chris den Schülern.

Vor drei Jahren begann er, an der Ideologie zu zweifeln. Anlass war ein Gespräch unter "Kameraden", bei dem diese darüber spekulierten, was sie am Tag der Abschaffung der Verfassung mit den Feinden machen. „Sie sagten plötzlich, dass sie alle Feinde der Bewegung, auch die eigenen Eltern und Freunde, hängen würden. Das Gespräch war so pervers. Ich begann, zu zweifeln. Gerade die Bewegung schreibt sich doch immer auf die Fahne, Familie zu schützen und zu fördern, und dann wollen sie ihre eigene Familie umbringen? Ich fand das verlogen und war der einzige, der gesagt hat, das mache ich nicht mit. Ich begann, mich zu distanzieren“, erzählt Chris.

Eine Aussteigerorganisation und Freunde außerhalb der rechten Szene halfen Chris, den Weg aus der Bewegung zu finden.

Eine Schülerin fragt Chris nach seinem Vortrag, ob er ein schlechtes Gewissen habe. „Ja, ich habe Schuld empfunden, auch deswegen, weil ich andere Jugendliche in die Bewegung brachte, die nun überzeugte Nazis geworden sind. Ich versuche nun, etwas Nützliches zu tun und aufzuklären. Der rechtsorientierte Gedanke ist nicht von heute auf morgen gleich weg, weil man ja als Kind auch schöne Erinnerungen in der Bewegung erlebt hat. Genau das wollen sie ja, dass das im Kopf bleibt. Der Ausstieg ist ein langer Prozess und ich versuche, irgendwann komplett NS-frei zu sein, weil die Bewegung einen kaputtmacht. Ich habe dieses Weltbild abgelegt“, sagt Chris.

Auf die Frage, was die Leute tun müssen, um Jugendliche vor dem Eintritt in die Szene zu schützen, antwortet der Aussteiger, dass es wichtig sei, die "Bewegung" und ihre Funktionsweise zu verstehen und nicht die Augen davor zu verschließen. „Es gibt Gruppen, die sehr gefährlich sind und internationale Netzwerke aufbauen. Aufklärung darüber ist wichtig“, sagt Chris.

Von Jessica Poszwa