Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Celle Stadt Autorin in Celle: Antisemitismus begegnet jüdischen Menschen alltäglich
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Autorin in Celle: Antisemitismus begegnet jüdischen Menschen alltäglich
18:55 04.09.2017
BildunterschriftBildunterschrift Quelle: Michael Schäfer
Celle Stadt

Und exemplarisch erzählt sie zur Einführung über die Verschandelung eines Plakats mit ihrem Konterfei, auf dem ihr der Mund überklebt und mit Hakenkreuzen bemalt wurde. Antisemitismus begegne jüdischen Menschen auch in Deutschland nicht nur aus rechtsradikalen Blöcken, sondern alltäglich – in Pauschalitäten, Vorurteilen, durch Halbwissen, in unüberlegten Wort- und Satzbrocken oder „nur“ Scherzen. Eine Ursache darin sieht die Autorin auch in einer nicht aufgearbeiteten Biographie vieler Menschen, gerade in Deutschland.

In einem Artikel des Magazins „Neon“ schreibt sie: „Man ist nicht einfach auf die Welt geworfen worden, sondern ist aus dieser entstanden – man ist Gewordener“ – und sie appelliert damit gleichermaßen für eine Suche nach persönlichen Wurzeln, Ursachen und einer Basis und einem daraus zu erwachsenden, auch gesellschaftspolitischen Bewusstsein – einer Ausarbeitung von Ursache und Wirkung und einer Verantwortlichkeit und Empathie, die daraus entsteht.

Die Protagonistin in „Winternähe“ heißt Lola – sie ist Deutsche, und sie ist Jüdin. Und sie fragt sich: Wie viel von mir selbst steckt in meiner eigenen Biographie? Wie lässt sich die Gegenwart mit meiner Vergangenheit in Einklang bringen? Lolas Suche führt sie von Berlin nach Tel Aviv, wo sie ihren Großvater besucht und ihren Geliebten, Shlomo, wiedersieht, der vom Soldaten zum Linksradikalen wurde und seine wahre Geschichte vor ihr verbirgt. Lola verbringt Tage voller Angst und Glück, Traurigkeit und Euphorie. Dann zieht sie weiter, landet in Bangkok. Und immer wieder stellt sie unbequeme Fragen und sucht gefährliche Orte auf.

Lolas Erfahrungen und Erlebnisse konfrontieren den Leser mit einem alltäglichen Antisemitismus in Deutschland, mit dem Krieg in Israel im Sommer 2014 und der Frage nach der eigenen Identität in einer globalisierten Welt.

Mirna Funk, geboren 1981 in Ostberlin, studierte Philosophie und Geschichte an der Humboldt-Universität. Sie arbeitet als freie Autorin und schreibt über Kultur und ihr Leben zwischen Berlin und Tel Aviv.

Von Doris Hennies