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Celle Stadt Avi Primor: Für Frieden fehlt „ein bisschen Kühnheit“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Avi Primor: Für Frieden fehlt „ein bisschen Kühnheit“
18:51 15.11.2010
Sieht Antisemitismus keineswegs auf dem Vormarsch: Israels Ex-Botschafter Avi Primor. Quelle: Torsten Volkmer
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In Celle sprach er über Aspekte des Friedens in Nahost und äußerte sich fundiert zu Vorurteilen, die er in seinem Buch „An allem sind die Juden und die Radfahrer schuld“, zur Debatte stellt. Gemeinsam mit der Journalistin Christiane von Korff legt er offen, was Antisemitismus heute ist, und was nicht.

Zum Thema Frieden in Nahost holte Primor weiter aus, begann beim Teilungsplan von 1947, der Westpalästina in einen jüdischen und arabischen Staat separierte, und bei der Gründung des Staates Israel. Er schilderte die Probleme einer Annäherung Palästinas und Israels. Anfänglich sei die beiderseitige Aussicht auf Rückeroberung der verlorenen Landesteile der Störfaktor im Friedensgespräch gewesen. Erst als für beide Seiten feststand, am Status quo der Teilung ist nicht mehr zu rütteln, waren die Tore geöffnet für Friedensverhandlungen.

Primor wählt seine Worte bewusst, um das differenziert zu analysieren, was oft einseitig betrachtet wird. Zwar interveniert auch ein Botschafter im Interesse seines Landes. Israel aber wünscht sich durchaus das Ende des Nahost-Konflikts. Doch stehe dem im Grunde möglichen Frieden etwas Grundlegendes im Wege: „Wir haben ein Sicherheitsproblem“, betont Primor den psychologischen Faktor. Sicherheit könne die palästinensische Regierung Israel nicht garantieren. Allein eine Intervention der internationalen Gemeinschaft würde zum Frieden in Nahost führen. Bei der Größe des Westjordanlandes genügte eine Truppe von 10000 Soldaten. „Was fehlt, ist ein bisschen Kühnheit und jemand, der die politische Verantwortung übernimmt.“

Welche Bedeutung Primor der Europäischen Union auch für Israel beimisst, zeigt das Projekt, das er nach dem Staatsdienst initiiert hat. Er, Vizepräsident der Universität Tel Aviv, ist seit 2004 für die Privatuniversität Interdisciplinary Center (IDC) Herzliya tätig, wo er das trilaterale Zentrum für Europäische Studien (in Zusammenarbeit mit einer palästinensischen und einer jordanischen Universität) gegründet hat und leitet.

Im zweiten Teil seines Vortrags räumte Primor, der offen die israelische Regierung kritisiert – etwa Scharons Siedlungspolitik – Vorurteile gegenüber Juden im Hinblick auf ihren Einfluss und ihre „moralische Unfehlbarkeit“ aus dem Weg sowie die These, der Antisemitismus steige wieder wie Phönix aus der Asche. Der Einfluss sei marginal, die Juden seien keine Moralinstanz, bräuchten vielmehr konstruktiv-freundschaftliche Kritik, und der Antisemitismus sei nicht im Vormarsch, sondern Studien belegten das Gegenteil. Für Israels Politiker sei der Vorwurf „Antisemitismus“ sehr bequem.

Die Fragen im Anschluss zeigten: Das Bedürfnis zu reden ist groß. „Es fehlt eigentlich nicht viel. Hoffen wir also auf Kühnheit“, schloss Michael Stier, Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Von Aneka Schult