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Celle Stadt Berufeserie: Gut gestimmt in Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Berufeserie: Gut gestimmt in Celle
16:44 23.09.2016
Geigenbauerin Michelle Stemann repariert eine Geige. Um das Intrument wieder zusammenzufügen, bringt sie Zwingen rings um den Klangkörper an. Benutzt wird traditionell Knochenleim, der wasserlöslich ist und so auch zukünftige Reparaturen ermöglicht. Quelle: Jonas Peisker
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Durch die geöffneten Fenster des hellen Altbaus direkt am Celler Neumarkt dringen die geschäftigen Geräusche von der Straße in die Werkstatt herein. An den Wänden hängen dicht an dicht Stemmeisen, Zwingen, Schnitzmesser. Geigenbauerin Michelle Stemann spannt ein dünnes Stück Fichtenholz in die Werkbank und glättet es mit einem Hobel, sodass es akkurat auf das identische Gegenstück passt. Stemann prüft mit einem Haarlineal die Ebenheit der Fläche, selbst kleinste Unregelmäßigkeiten müssen beseitigt werden. Zusammengeleimt entsteht aus den beiden Stücken, in sorgfältiger Handarbeit, die Decke einer neuen Violine.

Geigenbauer kennensich mit Bratschen aus

Neue Instrumente fertigt Stemann allerdings nur selten, sie beschäftigt sich hauptsächlich mit Reparaturen. Die Berufsbezeichnung lässt dabei nicht vermuten, dass Geigenbauer sich genauso mit Bratschen und Celli auskennen. Diese unterscheiden sich von Geigen hauptsächlich durch ihre Größe, die Bauform ist nahezu identisch. Die Werkstatt von Michelle Stemann hat sich unterdessen auch auf Kontrabässe spezialisiert, was außergewöhnlich ist, denn deren Konstruktion kann von der anderer Streichinstrumente abweichen. Etwa der typisch gewölbte Boden kleinerer Streichinstrumente kann bei Bässen flach sein.

In einem Nebenraum, in dem Holz in Regalen lagert, zeigt Stemann auf einen noch unfertigen Kontrabass. Mindestens 500 Stunden dauert es aus rauen Holzstücken einen kunstvoll geformten Bass zu bauen; immerhin 200 Stunden braucht es für eine Violine. Da ein Preis von rund 10.000 Euro für eine neu angefertigte Geige und 20.000 Euro für einen neuen Bass gewöhnliche Budgets bei weitem sprengt, bleibt der Neubau eine Nebenbeschäftigung der Geigenbauerin. Ein Großteil ihrer alltäglichen Arbeit entfällt auf die Beratung von Kunden und die Reparatur alter Instrumente.

Alles wird vonHand gemacht

Während andere Urlaub machen, hat Stemann im Sommer alle Hände voll zu tun. Denn wenn die Konzerthäuser in die Sommerpause gehen, nutzen deren Orchestermusiker die freie Zeit, um ihre Instrumente überholen zu lassen. Ein Jahr intensiven Gebrauchs hinterlässt seine Spuren. Der Lack ist abgeschubbert, das Griffbrett abgenutzt, das Instrument mit Kolofonium verklebt. Die Abnutzungserscheinungen bessern Geigenbauer aus und ziehen neue anstatt der verschlissenen Saiten auf. So bleiben die Instrumente länger zuverlässig und angenehm spielbar.

„Musikalität ist wichtig in dem Beruf. Ausschlaggebend ist allerdings das handwerkliche Geschick, ein Gefühl für Proportionen und ein gutes Ohr für Klänge. Im Geigenbau wird quasi alles von Hand gemacht“, sagt Stemann. Mit einer Tischbandsäge werden die gröbsten Schnitte gemacht, der Rest ist Handarbeit. Die Bauform, die die großen italienischen Meister wie Amati, Guarneri und Stradivari im späten 17. Jahrhundert entwickelten, war so ausgereift, dass sie sich bis heute nur minimal geändert hat. „Stradivari war ein brillianter Handwerker und hat Instrumente auf einem Niveau gebaut, das für seine Schaffenszeit ungewöhnlich ist. Es gibt aber durchaus moderne Violinen, die genauso gut klingen“, meint Stemann.

Falsche Stradivari sofort erkannt

„Es kommen regelmäßig Menschen zu mir, die mehr über ihr Instrument erfahren wollen“, sagt sie. Oft lässt sich anhand eines Zettels, der auf der Innenseite des Klangkörpers angebracht ist, auf Geschichte und Wert eines Instruments schließen. „Allerdings sind nicht alle Zettel auch wirklich echt. Manche industriellen Hersteller geben einfach 'Stradivari' an, was schon mal zu falschen Hoffnungen verleiten kann“, erzählt Stemann, „das erkennt man auf den ersten Blick.“ Für Wertschätzungen und Expertisen kann Stemann die Bücher im Regal des Verkaufsraumes zu Rate ziehen.

Büroarbeit wie das Verfassen von Gutachten oder das Beantworten von Anfragen macht rund ein Drittel der Arbeitszeit aus. „Ich spreche viel mit den Kunden, um auf Ihre Vorstellungen eingehen zu können. Je nach Musikrichtung lerne ich da auch ganz unterschiedliche Charaktere kennen“, sagt Stemann, „es kommen sowohl klassische als auch viele Jazz-Bassisten.“ Wenn Musiker mit dem Klang ihres Instruments nicht zufrieden sind, können Geigenbauer versuchen, diesen gezielt zu beeinflussen. Da Klangfarbe ein Stück weit subjektiv ist, heißt es für die Geigenbauerin genau zuzuhören.

Künstlerisches Elementspielt große Rolle

Sowohl eine betriebliche als auch eine schulische Ausbildung zum Geigenbauer ist möglich. Der Vorteil einer betrieblichen Ausbildung ist die Nähe zur täglichen Berufspraxis, was eine betriebliche Ausbildung allerdings weniger umfassend machen kann als eine schulische. In ganz Deutschland gibt es nur zwei Instrumentenbauschulen, die eine im sächsischen Klingenthal, die andere im oberbayrischen Mittenwald. Die Anzahl der Ausbildungsplätze ist daher stark begrenzt.

In der europaweit renommierten Schule für Instrumentenbau in Mittenwald fertigen die Auszubildenden in den ersten zwei Lehrjahren vier Violinen und eine Viola. Zunächst stellen sie die zahlreichen Einzelteile parallel her, die dann später zusammengefügt und lackiert werden. Neben dem Praxis- steht auch Theorieunterricht auf dem Stundenplan. Gelehrt wird unter anderem Mathematik, Kunst und Akustik, die sich mit den physikalischen Aspekten der Klangerzeugung befasst. Der Schwerpunkt der Ausbildung liegt jedoch im praktischen Bereich.

Bei genauerer Betrachtung der elegant geschwungenen Bauform und filigranen Ausführung kommt man nicht um den Schluss herum, dass ein künstlerisches Element eine entscheidende Rolle im Geigenbau spielt. „Viele Freiheiten kann man sich trotzdem nicht nehmen, denn bei einer Reparatur muss ein ersetztes Teil stilistisch zum Rest des Instruments passen“, weiß Stemann. Schon deshalb wird auf die Vermittlung der Geschichte des Geigenbaus in der Ausbildung meist großen Wert gelegt.

Industrie istkeine Konkurrenz

Zwar lässt sich selbst der Bau einer Violine weitgehend automatisieren, doch die Qualität dieser Instrumente ist soweit von der eines Geigenbauers entfernt, dass die industrielle Fertigung keine ernstliche Konkurrenz für höherwertige Instrumente darstellt. Dennoch haben selbst bei einem so traditionellen Handwerk Neuerungen Einzug gehalten. Der Grund: Die Edelhölzer, die für manche Teile verwendet werden, werden aufgrund fehlender Nachhaltigkeit im Anbau knapp, etwa das für die Griffbretter verwendete Ebenholz oder das Fernambukholz, aus dem Bögen gemacht werden. Kontrabassbögen aus mit Kohlestofffasern verstärktem Kunststoff, sogenanntem Carbon, sind mittlerweile auch schon üblich. Dass Carbon auch für andere Teile benutzt wird, ist auf absehbare Zeit aber nicht in Aussicht.

Wichtig im Beruf des Geigenbauers ist vor allem eine hohe Konzentrationsfähigkeit und Geschick im Umgang mit Werkzeug, denn eine unbedachte Bewegung mit dem Schnitzmesser kann tagelange Arbeit zunichte machen. „Ich bemerke, dass viele junge Menschen, die sich für den Beruf interessieren, ein Bedürfnis haben handwerklich zu arbeiten. Es ist sehr befriedigend am Ende des Tages ein greifbares Ergebnis in der Hand zu haben“, meint Stemann. Die beiden gehobelten Holzstücke passen nun perfekt aufeinander, doch bis daraus eine stellenweise nur hauchdünne Violinendecke wird, werden noch viele Stunden vergehen. Kein Wunder, dass von diesem Handwerk eine ganz besondere Faszination ausgeht, denn das Produkt der Arbeit ist nicht nur etwas für die Augen, sondern auch für die Ohren.

Von Jonas Peisker