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Celle Stadt Berufeserie: In Celle den richtigen Dreh raus
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Berufeserie: In Celle den richtigen Dreh raus
16:14 07.10.2016
Tobias Ruhnau bedient eine Drehmaschine. Bevor er mit seiner Arbeit beginnen kann, muss er die Konstruktionszeichnung lesen, richtigen Werkstoff aussuchen und die richtige Drehzahl und Vorschub der Maschine berechnen. Das Drehen ist nur eine von verschiedenen Arten Metall zu bearbeiten, die Werkzeugmechaniker beherrschen müssen. Quelle: Jonas Peisker
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Das leise aber stetige Summen der Maschinen erfüllt den Raum. Nadine Fellenberg allerdings benutzt keine der zahlreichen, schrankgroßen Maschinen in der Werkstatt. Sie hat gerade ihre Ausbildung zur Werkzeugmechanikerin begonnen und fertigt nun von Hand ihr erstes Stück: einen überdimensionierten Spielwürfel. In den Schraubstock vor sich hat sie das Werkstück aus Stahl eingespannt. Mit einer Feile bearbeitet sie es in ruhigen, gleichmäßigen Bewegungen. Obwohl die Ebene auf den ersten Blick schon ziemlich nahe an Perfektion erscheint, zeigt der aufgelegte Haarwinkel noch leichte Unregelmäßigkeiten. Schnell wird klar: In der Ausbildungswerkstatt von „Dr. Kaiser“ geht es um Präzision.

Aus dem Fenster blickt man auf den noch erhaltenen Schornstein einer Spinnhütte, in der bis in die Nachkriegszeit hinein Seide produziert wurde. Wenig weiter steht zwischen sauber verputzten Wohnhäusern der Celler Wasserturm. In dieser beschaulichen Gegend stellt „Dr. Kaiser“ Diamantwerkzeuge von internationalem Ruf her. Benötigt werden sie in den verschiedensten Industriezweigen immer dann, wenn besonders verschleißarm und präzise Metall oder Kunststoff bearbeitet werden soll. Gleichzeitig ist der mittelständische Betrieb mit etwa 320 Mitarbeitern einer der wenigen Ausbilder von Werkzeugmechanikern im Landkreis Celle.

Die Arbeit von Werkzeugmechanikern berührt fast alle Bereiche des alltäglichen Lebens – manchmal wird das auch erst auf den zweiten Blick offensichtlich. Der Kotflügel eines neuen Autos etwa fällt in ihren Aufgabenbereich, genau wie zahllose Bauteile in Motor und Getriebe. Etwa die Kolben, die die bei der Verbrennung des Treibstoffs in den Zylindern frei werdende Wärme so effizient wie möglich in Bewegung umwandeln. Die Erdölindustrie fördert das Rohöl, das später zu Kraftstoff verarbeitet wird, mithilfe von diamantenbesetzten Bohrköpfen, dessen Teile von Werkzeugmechanikern gefertigt werden. Und sollte man Autounfall erleiden und ein neues Gelenk benötigen, können Werkzeugmechaniker einen Ersatz aus Titan herstellen.

„Die Toleranz der Fertigung liegt je nach Anforderung bei einem Hundertstel oder Tausendstel eines Zentimeters“, sagt Thomas Schramm, Werkzeugmachermeister und Leiter der Ausbildung bei „Dr. Kaiser“. Die Genauigkeit beträgt also ein Bruchteil eines Millimeters, eine Größenordnung, die das menschliche Auge nicht wahrnimmt. Zu Beginn der Ausbildung werden die manuellen Grundfähigkeiten wie Sägen, Feilen und Bohren vermittelt, um die Sorgfalt beim Arbeiten mit solch hohem Qualitätsanspruch und das handwerkliche Geschick zu schulen.

Kevin Winkelmann, Auszubildender bei „Dr. Kaiser“, sagt: „Ich habe mich für den Beruf des Werkzeugmechanikers entschieden, weil er so abwechslungsreich ist. Der Aufgabenbereich ist mit Fräsen, Drehen, Schleifen und Erodieren sehr vielseitig.“ Damit sind fast alle Möglichkeiten Metall zu bearbeiten abgedeckt. Beim Fräsen wird Metall hauptsächlich in Höhe, Länge und Breite bearbeitet. Wenn das Werkstück hingegen rotiert und die Bewegung des Werkzeugs die Kontur beschreibt, spricht man von Drehen. Schließlich ist es möglich mithilfe von elektrischem Strom leitende Material zu erodieren, also zu schneiden oder die Form anderweitig zu beeinflussen.

Für jedes der Einsatzgebiete werden heute Maschinen verwendet. Von selbst geht die Arbeit allerdings nicht. Schon bei der Auswahl eines Werkstoffs mit den richtigen Eigenschaften aus zahllosen Stahllegierungen entscheidet sich, ob die Herstellung eines Werkzeugs gelingt. Mathematische und physikalische Kenntnisse benötigen Werkzeugmechaniker, um Drehzahl und Vorschub der Maschine zu berechnen. Auszubildender Dogan Cimen meint: „Zudem Logisches Denken ist gerade dann wichtig, wenn man die Bearbeitung korrigieren muss. Dann kommt es darauf an, dass man den Fehler schnell erkennt und die Einstellung der Maschine anpassen kann.“

Auch wenn Werkzeugmechaniker Fräs-, Dreh- und Schleifmaschinen noch manuell bedienen können, lassen sich viele Prozesse – gerade in der Massenfertigung – vollständig automatisieren. Sogenannte CNC-Maschinen können auch komplexe Formen in beliebiger Anzahl in gleichbleibend hoher Qualität herstellen. Aufgabe von Werkzeugmechanikern ist es, die Maschine entsprechend der Konstruktionszeichnung zu programmieren und die Produkte anschließend zu prüfen.

Schafft sich der Beruf also mit der Zeit selbst ab? Lassen sich Werkzeuge nicht computergesteuert viel schneller, effizienter und besser produzieren? Thomas Schramm glaubt das nicht. Das Berufsfeld sei so breit aufgestellt, dass auch in Zukunft dessen Fähigkeiten gebraucht würden. „Automatisieren lässt sich zumindest das Herstellen von Diamantwerkzeugen nicht, denn Diamant lässt sich nur mit Diamant bearbeiten. Das erfordert jahrelange Erfahrung und handwerkliches Geschick“, weiß Schramm.

Werkzeugmechaniker Thomas Döring meint: „Man braucht ein Faible für Genauigkeit und Ruhe beim Arbeiten. Wenn man im Bereich von Mikrometern ist, darf man sich keine Hektik und Ungenauigkeit erlauben. Besonders wichtig ist das, weil es in komplexen Maschinen aus vielen verschiedenen Teilen darauf ankommt, dass jedes einzelne genau passt.“ Im Berufsalltag ist es deshalb wichtig, konzentriert und ruhig arbeiten zu können.

Dass die Auszubildenden von „Dr. Kaiser“ als Team auftreten, ist Schramm wichtig. Auszubildende tauschen sich aus, helfen sich gegenseitig; ältere Lehrlinge leiten jüngere an. Mit Erfolg: Die Junggesellen von „Dr. Kaiser“ sind wiederholt von der Industrie- und Handelskammer für herausragende Leistungen bei der Abschlussprüfung geehrt worden. Schramm ist stolz darauf, dass auch im letzten Jahr alle vier Auszubildenden mit Bestnoten abgeschlossen haben.

Celine Hanker, Auszubildende im dritten Lehrjahr, hat gerade einen Arbeitsschritt an mit einer Fräsmaschine abgeschlossen und begutachtet den zylinderförmigen Stahl. Sie ist eine der beiden Frauen unter den Auszubildenden. Das Frauen noch die Ausnahme im Beruf des Werkzeugmechanikers sind, liegt an Vorurteilen und Rollenbildern. Schramm sagt: „Frauen sind genauso gut für diesen Beruf geeignet wie Männer. Körperlich anstrengend ist er nicht, denn schwere Teile müssen nicht mehr mit Muskelkraft bewegt werden. Wirklich wichtig ist es, echtes Interesse an dem Beruf zu zeigen.“

In der Metallverarbeitung gibt es keinen vielseitigeren Beruf als Werkzeugmechaniker sowohl was ihre Fähigkeiten und Kenntnisse als auch was ihre Arbeitsplätze betrifft. Elektronik-, Luftfahrt-, Automobil- und Erdölindustrie sind nur einige Branchen, in denen sie gebraucht werden. Von „einfachen“ Stanzen zum Umformen von Metall bis hin zu computergesteuerten CNC-Maschinen gibt es zahllose Anwendungsgebiete des Berufs. Die Konsumgesellschaft ist abhängig von dieser Massenfertigung – ohne Werkzeugmechaniker wäre sie nicht möglich.

Von Jonas Peisker