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Celle Stadt Bilanz am Ende des Weges: Viel Applaus für alternde Diva
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Bilanz am Ende des Weges: Viel Applaus für alternde Diva
18:23 21.02.2010
Auch Schminke kann das Alter nicht mehr übertünchen: Sibylle Brunner spielt die „Diva“ mit ergreifender Intensität. Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
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Da hält eine Frau gut 80 Minuten lang einen mit kleinen Gesangseinlagen angereicherten Dauermonolog – und das soll interessant sein? Nicht nur das, es ist sogar großartig: Die Premiere von Moritz Rinkes Stück „Der graue Engel“ im Malersaal gehörte zu den Sternstunden der bisherigen Schlosstheater-Saison. Einen gewissen Sinn fürs Schräge sollte man bei einem Besuch allerdings mitbringen.

Kein Zweifel, es ist Marlene Dietrich, die da, umgeben von Koffern, in einem großen Bett liegt. Rückblick hält auf Karriere und Leben, beides nicht voneinander trennen kann und ihren Angestellten Konstantin schikaniert, der je nach Bedarf die Rollen von Putzmann, Beleuchter oder Schauspielkollege übernehmen muss, wobei er für die letztgenannte Tätigkeit keine sonderliche Begabung aufzuweisen hat. Die Diva lässt auch die unvergesslichen Weisen anklingen: „Lili Marleen“, „Johnny, wenn du Geburtstag hast“ …

Die Figur ist aber auch nicht die Dietrich, besser: Sie ist mehr als das. Nämlich ein alter Mensch, der am Ende seines Weges Bilanz zieht, hier zur Verklärung neigt, dort akzeptieren muss, dass die Gegenwart nicht mehr so ist wie die Vergangenheit. Sind wir nicht früher oder später alle ein bisschen Marlene?

Wobei sich indes nur die Wenigsten so bizarr aufführen dürften wie unsere Heldin des Abends. Die ausführlich den systematischen Zusammenhang zwischen der „Strumpfbandtechnik“ – die besagten Utensilien regnen dazu vom Bühnenhimmel – und ihren Liebhabern erläutert, deren sie 2500 gehabt haben will, natürlich die berühmtesten. Die aus dem Verzehr eines schlichten Gugelhupfs ein kompliziertes Ritual macht, weil das Gebäck nur mit dem so genannten „Hollywoodschwert“ zerteilt werden darf. Die den armen Konstantin in den Wahnsinn treibt, da die Anordnungen, wie der Koffer zu packen sei, ständig wechseln.

Das hat zweifellos auch seine komischen Seiten, doch die bröckeln immer mehr weg. Momente des Verfalls brechen sich zunehmend Bahn: Die Stimme wird matter, die Rede konfuser, die Perücke sinkt beim mühsamen Gehversuch zu Boden. „Ich weiß nicht zu wem ich gehöre“, sinniert die Diva schließlich im klassischen Song von Friedrich Hollaender. „Ich bin doch zu schade für einen allein …“

Regisseur Jan Bodinus hat das alles sehr stimmig ausbalanciert. Man darf lachen, man darf traurig sein, und nirgends wird die Figur denunziert. Ebensowenig der Autor, mit dessen Vorgaben Bodinus streckenweise durchaus frei umgegangen ist, ohne die Atmosphäre gewaltsam in eine andere Richtung zu drängen.

Darstellerin Sibylle Brunner, die Mutter des Regisseurs, zieht alle Register und überzeichnet doch nie. Man nimmt ihr die Diva ebenso ab wie die müde Normalsterbliche, die groteske Eitelkeit ebenso wie den immer wieder durchschimmernden Schmerz, und da das Publikum im Malersaal bekanntlich sehr nah am Geschehen sitzt, kann man wunderbar die vielen Details in Mimik und Gestik verfolgen: ganz groß. Sibylle Brunner hat allerdings auch einen brillanten Partner: Dennis Junge spielt die schwierige, fast durchweg stumme Rolle des Konstantin sehr anrührend, wirkt wie eine Art trauriger Clown und sieht nach einigen Schminkaktionen irgendwann auch so aus.

In manchen Momenten wirkt der Abend, Marlene hin oder her, so elementar wie ein existentialistisches Drama in der Tradition von Samuel Beckett. Vielleicht verliert er im letzten Viertel ein wenig an Dichte, aber der sehr ausführliche Beifall und die vielen Blumen sind höchst verdient. Anschauen.

Von Jörg Worat