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Celle Stadt Bittere Pille zum Jubiläum
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Bittere Pille zum Jubiläum
12:28 24.09.2018
Von Gunther Meinrenken
SPD-Unterbezirksvorsitzender Maximilian Schmidt (links) und Ortsvereinsvorsitzender Dietrich Burggraf (rechts) freuten sich, dass der ehemalige niedersächsische Umweltminister, Wolfgang Jüttner, die Festrede zum Jubiläum des Ortsvereins hielt. Quelle: Gunther Meinrenken
Celle

War es kein guter oder vielleicht doch gerade der richtige Augenblick für eine Jubiläumsfeier? Am vergangenen Samstag versammelten sich etwa 100 Celler Sozialdemokraten und Gäste in der Congress Union, um einen besonderen Geburtstag zu begehen: Vor 150 Jahren wurde der Celler Ortsverein der SPD gegründet. Einen Tag zuvor mussten die Sozialdemokraten allerdings eine bittere Pille schlucken. In den Meinungsumfragen waren sie beim Deutschlandtrend von Infratest Dimap auf 17 Prozent abgesunken, die AfD hatte dabei mit 18 Prozent die SPD als zweitstärkste politische Kraft in der Republik überholt. Eine Volkspartei im Niedergang?

Nicht nur vor dem Hintergrund dieser aktuellen Zahlen waren am Samstag vor allem mahnende Worte im Europasaal der Congress Union zu hören. Entsprechend leitete Ortsvereinsvorsitzender Dietrich Burggraf die Veranstaltung ein: "Das Parteienjubiläum ist ein ermutigendes Zeichen, aber wir wollen ohne falsches Pathos feiern. Sozialdemokraten haben vieles richtig gemacht, wenn auch nicht alles. In Sachen Erneuerung gibt es noch viel Luft nach oben, aber das wissen wir."

Unter den Dingen, die aktuell in der Bevölkerung als "falsch" bewertet werden, fällt auch die von der SPD mitgetragene "Strafbeförderung" des Präsidenten des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, zum Staatssekretär im Innenministerium. Darauf hob Unterbezirksvorsitzender Maximilian Schmidt ab. "Das Gerechtigkeitsgefühl der Bevölkerung ist tief verletzt. Wir haben die Erwartung, dass das korrigiert wird und die SPD muss dazu einen Beitrag leisten", meinte Schmidt und fügte hinzu: "Die SPD wird mehr denn je gebraucht." Doch wie will man die Wähler davon überzeugen?

Oberbürgermeister Jörg Nigge, selbst Christdemokrat, warnte vor einer "Zergliederung der Parteienlandschaft". Nicht nur die SPD, sondern auch die CDU, drohe den Status einer Volkspartei zu verlieren. "Wir müssen Politik transparent machen, den Menschen zeigen, dass es um sie geht. Das ist unsere Aufgabe, um nicht als Volkspartei weiter abzubröckeln", sagte Nigge. Und Superintendentin Andrea Burgk-Lempart redete den SPD-Mitgliedern ins Gewissen: "Sie haben als Volkspartei einen wesentlichen Anteil an einer stabilen Demokratie."

Festredner Wolfgang Jüttner, ehemaliger niedersächsischer Umweltminister, machte es sich zur Aufgabe, "die vergangenen 150 Jahre zusammenzufassen, um daraus die Lehren für die nächsten 150 Jahre zu ziehen" und erinnerte die Gäste der Feier daran, welche Opfer wie Gefängnisstrafen die ersten SPD-Mitglieder auf sich genommen haben, um für ihre Rechte zu kämpfen. "Nichts kommt von allein und nichts bleibt automatisch", mahnte Jüttner, sich für die demokratischen Errungenschaften weiter einzusetzen.

"Die Demokratie ist gefährdet, wie ich es mir nicht habe vorstellen können", sagte Jüttner und appellierte an seine Genossen, sich für sozialdemokratische Forderungen einzusetzen. "Wenn man keinen Gegner hat im politischen Bereich, dann hat man auch kein Programm. Wenn man austauschbar geworden ist, wo ist dann der Anreiz, sich zu engagieren."

Lisa-Korspeter-Medaille: Erstmals vergeben wurde am Samstag die Lisa-Korspeter-Medaille, mit der die SPD besonderes Engagement für die soziale Demokratie ehren möchte. Die ersten Preisträger sind Rosemarie Mikolaiczak von der Nienhäger Tafel und der sich stets engagierende Harald Jahnke aus Celle.