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Celle Stadt Bitterer Spott und leichter Irrsinn
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Bitterer Spott und leichter Irrsinn
16:58 21.11.2010
Der Untergang Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
Celle Stadt

Ein behaglicher Theaterabend ist geplant? Dann dürfte die neue Inszenierung des Schlosstheaters in der Residenzhalle wohl kaum die richtige Wahl sein. Nun rechnet man auch sicherlich nicht mit leichter Unterhaltung, wenn es um den Krieg, genauer gesagt um seine Folgen geht. Doch Regisseur André Bastian geht mit seiner eigenwilligen Inszenierung des Stücks „Der Untergang“ von Walter Jens einige Risiken ein, macht es auf der Suche nach Zwischentönen sich selbst, seinen Darstellern und den Besuchern nicht leicht. Im guten wie im schlechten Sinn.

Jens hat sein Stück nach einer fast 2500 Jahre alten Vorlage verfasst, der Tragödie „Die Troerinnen“ von Euripides. Es geht darum, wie die Frauen der einst mächtigsten Männer von Troja nach dem verlorenen Krieg gegen die Griechen nun von deren Entscheidungen abhängig sind – was wird mit ihnen geschehen?

Ausstatter Manfred Breitenfellner hat für dieses Szenario eine zweckdienlich-reduzierte Bühne entworfen, um die herum das Publikum wie in einer Art Arena sitzt. Die Kostüme sind eher zeitgenössisch geprägt, kommen bei den trojanischen Frauen situationsgemäß nicht piekfein daher, während die beiden Griechen den Anstrich von neuzeitlichen Militärs haben.

Die Inszenierung ist von einem eher behutsamen Tempo geprägt und recht wortlastig. Dadurch wird es natürlich besonders schwierig, die Spannung zu halten, und durchweg gelang das auch nicht.

Es gibt chorische Passagen, die meisten Akteure haben zudem ihren großen Monolog. Christiane Lemm war vor allem im ersten Teil als Königswitwe Hekabe angemessen würdig und wird streckenweise zur zentralen Figur. Gewohnt diszipliniert Petra Friedrich, die allerdings mit der verhuschten Kassandra nicht die dankbarste Rolle erwischt hat. Klarer konnte da schon Christina Rohde den Konflikt der Andromache zwischen den eigenen Idealen und der Verantwortung als Mutter herausarbeiten.

Sibille Helfenberger hat vielleicht die anspruchsvollste Aufgabe: Ihre Helena soll zugleich die Kokette, die Verzweifelte und die Schlampe sein, dabei noch Spuren von bitterem Spott und leichtem Irrsinn hineinmischen – ein hochinteressanter Ansatz, den die Darstellerin allerdings bei der Premiere noch nicht ganz im Griff hatte.

Bei den Männern wirkte Farès-Brahim Bouattoura als Talthybios, dem seine Aufgabe, ständig die grausamsten Nachrichten überbringen zu müssen, schwer zu schaffen macht, präsenter als Rudolf Schwarz in der Rolle des Menelaos. Dieses Duo spielt zudem zwei äußerst aggressive Clowns, die immer mal wieder, meist außerhalb der Bühne und zuweilen auch darauf, ihre gewalttätigen Nummern abziehen, besonders gern in den gefühlvollsten Momenten der Handlung. Ein fragwürdiger Regieeinfall, weil es zwar nachvollziehbar erscheint, wohlfeilen Betroffenheitskitsch vermeiden zu wollen, aber gegen emotionale Zuspitzungen ja nichts einzuwenden ist. Und wenn es schon Brechungen geben soll, erscheint dieser Weg nicht als der tauglichste: Die Angriffe der Killerclowns wirkten jedenfalls aufgesetzt und entwickelten nicht einmal eine interessante Eigendynamik.

Kurzum, für diese Inszenierung braucht man Geduld. Ein paar Besucher mochten diese nicht aufbringen und verließen den nicht annähernd ausverkauften Saal ungefähr in der Mitte der knapp zweistündigen pausenlosen Vorstellung – sie verpassten einige dichte Momente, die es im zweiten Teil durchaus noch gab. Wirklich ausgereift wirkte der Abend indes noch nicht. Der Schlussbeifall trug denn auch deutliche Spuren von Erschöpfung.

Von Jörg Worat