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Celle Stadt Blinde Vikarin meistert Alltag in Celler Stadtkirchengemeinde
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Blinde Vikarin meistert Alltag in Celler Stadtkirchengemeinde
22:17 10.11.2014
Gerade aus Schweden von einer Konfirmandenfreizeit mit 50 Jugendlichen zurückgekehrt, steckt die Vikarin Christina Ernst mitten in den Vorbereitungen für zwei Vortragsabende im Kantoreisaal der Stadtkirche St. Marien. Quelle: Benjamin Westhoff
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Gerade aus Schweden von einer Konfirmandenfreizeit mit 50 Jugendlichen zurückgekehrt, steckt die Vikarin Christina Ernst mitten in den Vorbereitungen für zwei Vortragsabende im Kantoreisaal der Stadtkirche St. Marien. "Mein erstes großes eigenes Projekt in Celle", freut sie sich.

Seit ihrem vierten Lebensjahr ist Ernst blind. Bereits als Fünfjährige gab sie ihr erstes Interview und bekam durch den Gang an die mediale Öffentlichkeit die Chance integrativ beschult zu werden. Mit Hilfe von sonderpädagogischen Kräften, die den Lehrern beratend zur Seite standen, meisterte sie erfolgreich die Schule.

Das Studienfach stand im Anschluss sofort fest. „Evangelische Theologie war die richtige Entscheidung und macht viel Spaß", sagt Ernst. Es lockte die Vielfalt und die Möglichkeit, viele interessante Menschen in dem Beruf als Pastorin kennenzulernen. Bei der Auswahl einer Universität spielte ihre Blindheit natürlich eine Rolle. Aufgeschlossen, freundlich und mit großartigen Hilfsangeboten auftretend, fiel die Wahl auf Göttingen. So stellte die Universität zum Beispiel extra Hilfskräfte ein, die in der Bibliothek Bücher einscannten, damit Ernst arbeiten konnte.

Ein guter Start war auch in Celle möglich. Ernst stand hier zu Beginn ihres Vikariats, dem praktischen Teil ihrer Ausbildung, bei der Stadtkirchengemeinde St. Marien ein Mobilitätstrainer zur Verfügung, mit dessen Hilfe sie die alltäglichen Wege in der Stadt erkundete und durch dessen Geheimtipps ihr auch eine gute Orientierung im großen Altarraum der Stadtkirche gelingt. „Ich bin ein Entdeckertyp," sagt sie, „ich biege auch mal von den bekannten Wegen ab." In ihrem Büro im Gemeindehaus findet sie eine sehr gute technische Ausstattung. Ein Computer mit Sprachausgabe, eine Braille-Zeile zum Schreiben neben der normalen Tastatur sowie ein spezieller Scanner und Drucker stehen zur Verfügung. Durch eine zusätzliche Arbeitsassistenz, die sie bei Recherchen und Terminen unterstützt, bewältigt die Vikarin die alltägliche Kirchenarbeit. "Eine so gute Ausstattung ist nicht selbstverständlich", bemerkt Ernst, "ich fühle mich in Celle sehr wohl."

Während der vergangenen vier Jahre arbeitete die Vikarin an ihrer Dissertation zum Thema „Ästhetik des Sichtbaren und Attraktivität des Unsichtbaren. Personale Präsenz in der medialen Öffentlichkeit". Vor diesem Hintergrund lädt Sie nun zu zwei Vortragsabenden ein, bei denen absichtliche oder unabsichtliche Präsenz in den neuen Medien thematisiert werden sollen und wo vielleicht gerade die Blindheit von Ernst selbst, ein Spannungsfeld sein kann. So beschreibt sie selbst: „Wie die Bilder aussehen, die Menschen von sich machen und ins Internet stellen, muss ich mir beschreiben lassen. Das ist für mich das Faszinierende: Nicht die Bilder selbst, sondern das, was Menschen über diese Bilder erzählen, was sie mit ihnen ausdrücken wollen, was sie in ihnen sehen."

Vorträge und Diskussionen

"In den Augen des anderen: Zur Faszination von Selbstdarstellungen in Malerei, Fotografie und Medien"

Mittwoch, 19. November, 19.30 Uhr bis 21:00 Uhr, Kalandgasse 5 (Kantoreisaal): "Wie wir zeigen wer wir sind: Selbstdarstellung in Portraitmalerei und (Digital-) Fotografie". Vortrag und Diskussion mit Juliane Schmieglitz-Otten, Leiterin des Residenzmuseums im Celler Schloss und Vikarin Christina Ernst. Anhand der Miniatur-Sammlung Tansey mit Portraits aus dem 18. und 19. Jahrhundert und von Bildern aus dem sozialen Netzwerk Facebook werden Selbstdarstellung in Malerei und Digitalfotografie gezeigt, verglichen und diskutiert

Dienstag, 25. November, 19.30 Uhr bis 21 Uhr, Kalandgasse 5 (Kantoreisaal): "Öffentliche Gesichter - mein Gesicht in der Öffentlichkeit: 100 Fragen zum Thema Bildrechte und Datenschutz." Vortrag und Diskussion mit Ralf Leineweber, Chefredakteur der Celleschen Zeitung. Moderation: Christina Ernst. Leineweber spricht über Konflikte und Kompromisse zwischen Wunsch nach Öffentlichkeit, Persönlichkeitsrechten und dem Prinzip der Wahrhaftigkeit im Tagesjournalismus.

Von Lena Niemeyer