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Celle Stadt Böse Grützwurst und Mottenmolch
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Böse Grützwurst und Mottenmolch
09:56 07.02.2012
Rupert Schieche mit "Schieche - schˆn schr‰g. Dichter geht's nicht" in Kunst & B¸hne Quelle: Aneka Schult
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Leider bliesen die nicht anwesenden Gäste mit ihrer Abwesenheit in das berühmte Horn: Dichterlesungen sind out. Für den Kölner Schauspieler nicht. In Form einer Dichtershow blätterte Schieche einen Bilderbogen aus über 100 Jahren deutscher Dichtkunst auf und pulverte 50 komische wie melancholische, immer ein bisschen dadaistische Werke von 20 bekannten und weniger bekannten Autoren in einem Affenzahn in die Reihen. Ausdrucksstark, mit wilder Gestik, spielte er sich durch den Lyrik-Parcours, darunter Robert Gernhardt, Fritz Eckenga, Ringelnatz und Johann König, Morgenstern, Kästner, Erhardt und Busch. Auch Heine, Bechstein, Graßhoff und Hanns von Gumppenberg waren dabei neben Steffen Jacobs und Fred Endrikat – nicht zuletzt „ein Schieche“ selbst.

Die atemberaubende Textmasse sprudelte der Lyrik-Komiker aber nicht simpel hinunter, sondern jedes Gedicht biss dem folgenden gewissermaßen ins Bein. Alles ist miteinander vernetzt. In diesem lyrischen Labyrinth treten auch ein irrer Werwolf und andere hutzlige Tierchen auf: die schuldige Wühlmaus, das ästhetische Wiesel, teuflische Frösche, „Igel und Agel“ Mottenmolch, Vielfraß und ein blöd glotzender, stummer Fisch. Als weiteres Schmankerl mimischen Stumpfsinns entpuppte sich das „Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst“, und Morgensterns „Schildkröte“ mampfte senil vor sich hin. In wahre Ekstase versetzte Schieche die böse Grützwurst von Berthold Bell.

Die Art, wie Schieche, Jahrgang 1966, der seine Schauspielausbildung an der Otto Falckenberg Schule in München absolvierte, sämtliche Metamorphosen durchlebt, ist skurril. Zwischendurch bediente er sich an den Getränken der Gäste, weil lyrisches Blödeln durstig macht, und bewies, dass sie zeitlos sind, die ironisch-philosophischen „Verdichtungen“, wie eben der ganz normale Wahnsinn auch. Ein Abend mit lyrischer Textfülle und schrägem Witz. Als Zugabe gab der Poet mit Hang zur Bühnendramatik dem Publikum noch Schwitters’ „Nies-Scherzo“ mit auf den Weg.

Von Aneka Schult