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Celle Stadt "Böse Schwestern" zeigen sich in Celle schrill und sozialkritisch
Celle Aus der Stadt Celle Stadt "Böse Schwestern" zeigen sich in Celle schrill und sozialkritisch
10:33 27.03.2017
"Die Bösen Schwestern" Anita Palmerova (links) und Magda Anderson unterhalten und stimmen nachdenklich. Quelle: Alex Sorokin
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Das mobile Entertainment-Duo ist von der Bahn-AG für wartende Reisende engagiert worden, und als solches gewährt es den 170 Gästen der CD-Kaserne am Samstagabend nicht nur Einblick in die Welt von morgen, es führt ebenso gekonnt in die Irre. Eierlikörchen, Großtanten-Look und Chansons mit Zarah-Leander-Attitüde schreien förmlich nach der typischen Travestie-Komik übers Altwerden und vergangene Lieben. Zwischendrin gibt es das in gesungener oder gesprochener Form auch, aber aufhorchen lassen Sätze zu allumfassender Kameraüberwachung, für Afrika gesammelten Müll, sozialverträglichem Frühableben und vergiftetem Trinkwasser – „irgendwann gewöhnt man sich an alles“.

„Die Bösen Schwestern“ aus Hannover haben sich Gedanken gemacht über den Zustand unserer Gesellschaft. Ihre Prognose für die kommenden 20 Jahre lautet, dass es keine Abkehr geben wird von Profitstreben, Banken- und Konzernmacht. Weiterentwickeln wird sich die Technik. Die Balken, die man sich einst ans Ohr hielt, sind belächelte Relikte. Kommuniziert wird zukünftig mit fest installiertem Körper-Telefonchip.

Nur eine Marginalie im Leben der alten Damen, keine ihrer Sorgen löst der technische Fortschritt. „Wir sind doch Wohlstandsmüll – wie Flüchtlinge oder Obdachlose“, lamentieren sie nicht unbegründet. „Herr Schätzig vom Alten- und Sterbeministerium war wieder bei mir und wollte mich überzeugen, dass auch ein kurzes Leben erfüllt sein kann. Busfahrten in die Schweiz werden mittlerweile von den Krankenkassen übernommen“, überkommt Magda ein Anflug von Schwermut – Zeit für ein Likörchen. Er übertüncht den Ernst der Lage genauso effektvoll, wie die schrille Komik der „Bösen Schwestern“ die beißende Sozialkritik in ein wunderbares Gewand hüllt.

Von Anke Schlicht