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Celle Stadt Brahms top, aber Chopin ein Flop
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Brahms top, aber Chopin ein Flop
12:07 24.09.2013
Celle Stadt

Atemberaubend war ihr Spiel, aber deshalb leider nicht zwingend musikalisch begeisternd: Anna Vinnitskaja spielte auf Einladung des Kammermusikrings im Schlosstheater und demonstrierte zunächst einmal eines: nicht enden wollende Kraft und ungemein schnelle Finger. Keine Frage: Wenn es beim Musizieren um die rein manuelle Dimension des Klavierspiels ginge, dann könnte man Vinnitskaja den Rang des Außerordentlichen bescheinigen. Technisch kann diese Frau wahrscheinlich alles. Und das in jedem beliebigem Tempo. Wer gewohnt ist, genauer zuzuhören, der wird aber feststellen, dass ihr Verständnis für die musizierten Werke nicht das Niveau ihrer Technik hat. Und artikulatorische oder phrasierungstechnische Feinheiten scheinen sie auch nur bedingt zu interessieren.

Besonders deutlich wurde das in ihrem Chopin-Spiel. Wie Vinnitskaja die vier Balladen durch ihre Spielweise zuspitzte, das hatte einerseits etwas Faszinierendes, andererseits verbaute sie sich damit die Möglichkeit große Spannungsbögen zu bauen und zu halten. Und diese sind eben gerade in diesen Werken sehr wohl vorhanden. Man muss sie nur zu gestalten wissen. Bei der ersten Ballade klappte das noch sehr gut, aber bei den weiteren wurden die zerklüfteten Werke zunehmend zu einer Aneinanderreihung von klanglichen Ereignissen, die nur durch enorm geschickt ausgekostete Steigerungen zusammen gehalten wurden. Das war zwar auf seine Weise sehr beeindruckend, aber dem erzählerischen Duktus dieser Stücke, die einen ganz langen Atem in sich tragen, wurde sie so nicht gerecht. Und die ohne Rücksicht auf verdeckte melodische Oberstimmenelemente herunter gedonnerte erste C-Dur-Etüde von Chopin als Zugabe erschien auf diese Weise wie reines Blendwerk, was sie aber eben gerade nicht ist.

Musikalisch am besten gelangen der 30-jährigen Russin die beiden anfangs gespielten Brahms-Rhapsodien opus 79. Da glaubte man fast der Wucht eines Wilhelm Backhaus oder Svjatoslav Richter zuzuhören. In jeder Steigerung gelang es Vinnitskaja dabei noch ein wenig draufzulegen. Und in den ruhigen Passagen fand sie manch poetischen Moment, den sie wunderbar in den Gesamtfluss einbettete. Diese Brahms-Interpretation hatte größtes Format und ließ manch tastenden Brahms-Versuch diverser vermeintlicher Jungstars in den letzten zehn Jahren ganz alt aussehen. Vinnitskajas Brahms-Spiel wird ganz lange in Erinnerung bleiben, weshalb man zu diesem Zeitpunkt durchaus glauben konnte, dass ein ganz großer Abend bevorstünde. Obgleich Vinnitskajas Spiel der zweiten Prokofjew-Sonate ebenfalls höchstes Niveau repräsentierte, wurde daraus dann doch nichts. Einerseits wegen des nicht so gelungenen Chopin-Spiels, andererseits weil Vinnitskaja die Prokofjew-Sonate zwar mit enormem Gespür für den einzelnen Effekt darbot, aber dabei auch offenbarte, dass diese Musik außer Effekten nicht viel zu bieten hat. Schade, dass Vinnitskaja nicht mehr Brahms gespielt hat.

Von Reinald Hanke