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Celle Stadt Buch über Celler Jugend in der NS-Zeit
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Buch über Celler Jugend in der NS-Zeit
16:15 20.08.2010
Von Andreas Babel
Wolfgang Reinach als Student der TH Hannover, Wintersemester 1951/52. Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
Celle Stadt

Mit dem Judentum hat er eigentlich nicht viel am Hut. Während der NS-Zeit erlebte er ungeheure Demütigungen in Celle, ohne zu wissen warum. Dass sein Vater aus einer jüdischen Familie stammte, war dem Zehnjährigen gar nicht bekannt, als er in die Stadt an der Aller kam.

Wolfgang Reinach hat über seine Celler Erlebnisse ein hochinteressantes Buch geschrieben. Er stellt „Zwischen allen Stühlen. Eine christlich-jüdische „Mischlingsfamilie“ von 1937 bis 1945 in Celle“ am Mittwoch, 25. August, 19 Uhr, in der Celler Synagoge, Im Kreise 24, vor.

„Es ist schade, dass das alles so lange gedauert hat. Vor 20 Jahren wollte ich das Projekt dem Celler Oberbürgermeister vorstellen, wurde aber auf subalterner Ebene abgewimmelt. Und bis dieses Buch nun erschienen ist, sind auch vier Jahre vergangen. Wie viele, die sich für diese Zeit interessieren, sind unterdessen gestorben“, gibt der 83-Jährige zu bedenken. Sabine Maehnert vom Celler Stadtarchiv beurteilt die Publikation als „wichtiges Zeugnis für die Geschichte unserer Stadt“. Das Stadtarchiv bringt sie zusammen mit der Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit heraus.

Heute lebt der Diplomingenieur in seiner alten Heimat Wuppertal. Der – wie er selber sagt – „alte Porsche-Fahrer und Autonarr“ wird erst am Tage des Vortrags mit anschließendem Gespräch anreisen – natürlich mit dem Auto. Er kommt mit einem Mercedes-C-Klasse-Sportcoupe.

Die Technik von Autos hat ihn schon immer interessiert. Stolz schreibt er in seiner Biographie, dass er nach dem Krieg der erste motorisierte Student der Technischen Hochschule Hannover gewesen sei. Auch die Wagen der aus Karlsruhe stammenden Familie sind in dem Band exponiert dargestellt.

Doch darum geht es natürlich nicht. Das Buch ist vielmehr ein Zeugnis einer Zeit, über die man in Celle nicht gerne spricht. Es ist ein Zeugnis von einer völlig unangreifbaren Warte aus. Der Autor weiß selbst, dass man die Vergangenheit meist besser darstellt, als sie wirklich war. Und so mag es ihm auch selbst gegangen sein. Denn: Dieses Buch können auch Ewig Gestrige lesen. Es wird niemand an den Pranger gestellt, obwohl Reinach aus seinem phänomenalen Gedächtnis heraus nahezu alle Handelnden mit Namen benennt. Das erinnert an die jüngst vorgelegten Erinnerungen des Celler Urologen Georg Vardakis. Der 75-Jährige berichtete jüngst in einem schmalen Band über die Zeit, „Als der Krieg nach Kreta kam“.

Die Leser werden amüsante Geschichte über Celler Originale finden wie dem Tierarzt Dr. Reinhard Doehler. Der war Vogelforscher und daher Katzenhasser. „Jede Katze, die er erwischen konnte, musste dran glauben. Nach Abziehen der Felle wurden die Kadaver ins einem garten als Vogelfutter in den Bäumen aufgehängt“, schreibt Reinach. Die Leser werden von drei Gestapo-Männern erfahren, die offenbar nur Dienst nach Vorschrift gemacht haben und die Leser werden allerlei Anti-Nazis treffen.

Doch: Reinach spart natürlich nicht mit Schilderungen von Taten der Nazis. Sein Vater kommt als Zwangsarbeiter in ein Lager. Seiner evangelischen Mutter wird nahe gelegt, sich scheiden zu lassen – andernfalls würde man ihr den Sohn wegnehmen. Und schließlich wird der 15-Jährige von der Hermann-Billung-Schule geworfen: Ein „jüdischer Mischling 1. Grades“ durfte nicht mehr dort unterrichtet werden.

Trotz alledem überlebten Wolfgang Reinach, seine Schwester und die Eltern. Seinem Vater Ludwig gelang es, in Wuppertal in zahlreichen Institutionen und Verbänden an die Spitze zu kommen. Auch als Generaldirektor der städtischen Werke von Wuppertal wurde er eingesetzt.

Vortrag: Am Mittwoch, 25. August, 19 Uhr, lädt die Gesellschaft für Christlich-jüdische Zusammenarbeit Celle, in die Celler Synagoge, Im Kreise 24, zu einer Vorstellung der Veröffentlichung mit anschließender Möglichkeit, mit dem Autor ins Gespräch zu kommen. Wer an dem Abend verhindert ist, kann sich ab Montag, 23. August, auch an die CZ unter der Telefonnummer (05141) 990113 oder ab sofort per Mail an a.babel@cellesche-zeitung.de wenden. Wir vermitteln gerne den Kontakt zu Reinach.

Bezugsquelle: „Zwischen allen Stühlen. Eine christlich-jüdische „Mischlingsfamilie von 1937 bis 1945 in Celle“, Erinnerungen von Wolfgang Reinach, Kleine Schriften der Celler Stadtgeschichte, Band 8, herausgegeben von der Stadt Celle – Stadtarchiv, 8 Euro, ISBN 3-925902-75-8; erhältlich im Celler Buchhandel, dem Celler Stadtarchiv in Westercelle und in der Celler Synagoge.

Die entscheidenden Jahre: 1927 bis 1947

9. Juni 1927 Wolfgang Reinach wird als Sohn des jüdisch-stämmigen Ingenieurs Ludwig und seiner evangelischen Mutter Irmgard in Barmen (Kreis Wuppertal) geboren.

31. Dezember 1935: Sein Vater wird bei der Wuppertaler Stromversorgung denunziert und entlassen.

Sommerferien 1937: Umzug nach Celle in eine Wohnung an der Jägerstraße 22a

Anfang 1938: Umzug in eine große Wohnung in einem ehemaligen Patrizierhaus an der Lüneburger Straße 18 in Celle.

September 1938: Der Kriegsbeginn verhindert die für wenige Tage später vorgesehene Emigration des Vaters nach Südamerika.

22. August 1942: Großmutter Sophie Reinach wird aus Karlsruhe nach Theresienstadt deponiert und stirbt wenige Tage später.

16. Oktober 1942: Entlassung aus rassistischen Gründen von der Hermann-Billung-Schule.

1. April 1943: Zum Arbeitseinsatz erfasst: Lehre zum technischen Zeichner bei der Celler Firma Berkefeld begonnen.

Juni 1944: Der Vater wird in ein Zwangsarbeiterlager eingewiesen.

September 1945: Dem Belsen-Prozess als Verfolgter beigewohnt.

16. Oktober 1945: nach Wuppertal übergesiedelt ans Gymnasium „Aue“.

16. Oktober 1946: Dort Abitur „gebaut“.

Mitte 1947: Studienbeginn an der Technischen Hochschule Hannover.

bis heute: als selbstständiger, beratender Ingenieur tätig, unter anderem für Wasseraufbereitung.

In diesem Haus an der Lüneburger Straße 18 lebte die Familie seit Anfang 1938. Das Haus existiert heute nicht mehr.

Wolfgang Reinach im Hörsaal der Technischen Hochschule Hannover, Wintersemester 1951/52.