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Celle Stadt CZ-Interview: Celles neuer Oberbürgermeister ist kein Freund von Privatisierungen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt CZ-Interview: Celles neuer Oberbürgermeister ist kein Freund von Privatisierungen
10:47 30.09.2016
Von Michael Ende
Celle Stadt

Herr Nigge, bis zu ihrer Amtsübernahme im Februar ist es noch ein bisschen hin – was werden sie in der Zwischenzeit tun?

Zunächst werde ich mir Zeit für meine Familie nehmen, die mich in den letzten acht Monaten so gut wie gar nicht um sich hatte. Dann bin ich ja nach wie vor Beamter der Freien und Hansestadt Hamburg und möchte auch hier meine Amtsgeschäfte geordnet übergeben. Und natürlich möchte ich die kommenden Monate nutzen, um mich bestmöglich auf mein neues Amt vorzubereiten, mich in Themen bereits einzuarbeiten und mich, wie jetzt bei den Haushaltsberatungen, auch bereits im Hintergrund einbringen zu können.

Wissen sie schon, wo in Celle Sie leben werden?

Nein, darüber haben wir uns bisher noch keine Gedanken gemacht. Aber zum Glück haben wir jetzt zunächst genug Zeit etwas Passendes zu finden.

Was sagen ihre Kinder dazu, dass ihr Papa jetzt Oberbürgermeister von Celle wird?

So ganz verstehen können sie es glaube ich nicht, aber natürlich merken Sie, dass es Veränderungen geben wird und fragen viel nach.

Sie hatten ihren Kindern im Falle ihres Wahlsieges ein Pony versprochen. Haben Sie sich schon einen Überblick über den hiesigen Pony-Markt verschafft?

Beim Reitturnier in Westercelle wurde ich durch meine Töchter intensiv in die verschiedenen Unterschiede von Pferden sowie ihre Vorzüge eingeführt. Ich bin zwar noch kein wandelndes Pferdelexikon, fürchte aber, dass ich es noch dazu bringen werde...

Was werden Sie als erstes tun, wenn Sie Ihren Dienst im Rathaus antreten werden?

Mein erster Gedanke wird sicherlich meinen verstorbenen Eltern gelten, die ihre Heimat in Celle hatten und mir all das ermöglicht haben. Sie wären sehr stolz und wichtige Ratgeber. Dann werde ich schnellstmöglich versuchen, mich mit den internen Strukturen vertraut zu machen und mich an die Mitarbeiter wenden.

Welche politischen Akzente wollen Sie zuerst setzen?

Mir ist es ganz wichtig, dass wir als Wahlbeamte und Mandatsträger uns für unsere Stadt und die Bürger einsetzen und abseits jeglicher Parteiideologien versuchen, den besten Weg für unsere Stadt zu finden. Dazu werden sicherlich einige Friktionen aus der Vergangenheit beiseite geräumt werden müssen. Ich erachte es diesbezüglich aber als positiv, dass ich als Seiteneinsteiger, ohne politische Celler Vergangenheit, beginne und von Anfang an gesagt habe, dass wir nur gemeinsam mit allen Parteien am Sachziel Celle arbeiten können. Insofern empfinde ich es als guten und wichtigen ersten Schritt, dass wir unabhängig von Ratsmehrheiten der zweitgrößten Fraktion, also der SPD, einen Bürgermeisterposten anbieten. Ob man dafür bei zwei ehrenamtlichen Bürgermeistern bleibt oder aber kostenneutral auf drei erhöht, ist für mich dabei unerheblich, aber ich möchte gerne einen ersten Schritt tun, um die Gemeinsamkeit hervorzuheben und zu betonen, dass mir das Arbeiten abseits von Parteigrenzen wichtig ist.

Ferner werde ich nach Amtseinführung zunächst mit den Fraktionsvorsitzenden aller Parteien das Gespräch suchen, um mich geraume Zeit später dann auch mit den Landtags- und Bundestagsabgeordneten der CDU und SPD auszutauschen.

Was werden Sie anders machen als Ihr Vorgänger?

Mir steht es nicht zu die Arbeit meines Amtsvorgängers zu bewerten. Das knappe Wahlergebnis zeigt ja, dass er vieles richtig gemacht hat und sich damit Rückhalt und Zustimmung in der Bevölkerung erarbeitet hat. Dafür ist ihm zunächst Anerkennung und auch Dank für die geleistete Arbeit auszusprechen.

Ich möchte, wie auch im Wahlkampf immer betont, mit den guten Ideen aller Parteien und Bürger unsere Stadt da weiterentwickeln, wo wir meines Erachtens Schwächen haben. Das ist natürlich zunächst der Haushalt, der unseren Gestaltungsspielraum in den letzten Jahren enorm eingeschränkt hat. Das ist aber auch der Leerstand, die Fokussierung auf eine Wirtschaftsbranche und der Abbau von Arbeitsplätzen. Genauso spielen aber auch Wachstum, Zuzug junger Familien und natürlich der Tourismus eine große Rolle. Als Stadt leben wir von Unternehmen, Familien und natürlich dem Tourismus. Im Hinblick auf den städtischen Haushalt muss es uns gelingen, diese drei Säulen zu stärken. Das aber nicht singulär, sondern in einem Gesamtansatz mit vielen einzelnen Maßnahmen, denn die Themen haben alle Berührungspunkte miteinander und können heutzutage nicht mehr einzeln betrachtet und gelöst werden.

Sie haben gesagt, Sie wollten binnen fünf Jahren den städtischen Haushalt sanieren – wie wollen Sie das schaffen?

Erst wenn wir den ausgeglichenen Haushalt erreicht haben, können wir uns im zweiten Schritt um den exorbitant hohen Schuldenstand kümmern. Dieser schränkt uns bereits jetzt ein, allerdings wäre es geradezu desaströs, wenn sich die derzeitigen sehr niedrigen Zinsen wieder nach oben bewegen würden. Hier müssen wir also schnellstmöglich Abhilfe schaffen.

Für den ausgeglichenen Haushalt werden wir moderne Steuerungsinstrumente einführen müssen wie sie jedes Unternehmen in abgewandelter Form aber im Grunde auch jeder Privathaushalt verwendet. Das fängt bei einem Investitionscontrolling an, welches verhindert, dass weniger wichtige Investitionen den wichtigen vorgezogen werden und endet bei der Budgetierung, die uns als Verwaltung einen Kostenrahmen setzt. Diese Controllinginstrumente sind heutzutage unabdingbar und hätten in der Vergangenheit viele unnötige Ausgaben ersparen können.

Natürlich aber werden wir auch schnellstmöglich prüfen müssen wo wir Synergien mit dem Kreis realisieren können. Da gibt es aus meiner Sicht einige Bereiche, die wir gemeinsam mit den Mitarbeitern prüfen sollten, ob man hier nicht Effekte erzielen kann. Aber auch hier gilt: Bevor ich nicht richtig in der Thematik stecke, mit den Mitarbeitern gesprochen habe und über alle notwendigen Informationen verfüge, wäre es unlauter weitere Aussagen dazu zu treffen.

Ein wesentlicher Punkt für eine Haushaltskonsolidierung ist aber natürlich auch Wachstum. Bei vielen Kennzahlen, gerade in unseren drei wesentlichen Bereichen Wirtschaft, Familien und Tourismus, stehen wir schlecht da. Hier gilt es unsere Schwächen zu eruieren und gegenzusteuern. Hier gilt es aber auch die entsprechenden Rahmenbedingungen zu setzen. Wenn wir also Familien nach Celle holen wollen, müssen wir beispielsweise auch adäquaten Wohnraum oder entsprechende Bildungsstrukturen bieten können. Und das gilt für alle Bereiche.

Müssen die Celler Bürger und ihre neuen Mitarbeiter sich vor Privatisierungen fürchten?

Es hat sich in den vergangenen Jahren häufig herausgestellt, dass Privatisierungen nicht die Effekte gebracht haben, die man sich erhofft hatte. Oftmals hat man sich in die Hände von Monopolisten begeben oder aber nachteilige Verträge abgeschlossen, die wenig bis gar keine Einflussnahme ermöglicht haben. Dies ging dann zwangsläufig zu Lasten der Gebührenzahler und mittlerweile sind viele Kommunen bereits wieder dabei, für viel Geld Leistungen zu rekommunalisieren. Rein aus ökonomischen Erwägungen bin ich also grundsätzlich gegen Privatisierungen, wobei man natürlich nie etwas ausschließen darf. Ein weiterer Gedanke dazu ist mir aber auch sehr wichtig: Eine Verwaltung, die professionell und dienstleistungsorientiert aufgestellt ist, kann es mit jedem Unternehmen aufnehmen und oftmals durch interne Kenntnisse und Synergieeffekte sogar bessere Ergebnisse erzielen. Natürlich bedarf es dafür viel Gestaltungsfreiraum und Vertrauen für die Mitarbeiter sowie klare Zielsetzungen. Das Ziel muss es sein, so effektiv und effizient wie möglich für den Bürger und die Stadt zu arbeiten.

Wie stehen Sie zu Tempo-30-Zonen?

In Wohngebieten oder besonderen Gefahrenzonen halte ich Tempo 30 Zonen für unverzichtbar. Ich habe allerdings das Gefühl, dass das in der Vergangenheit nicht immer die wesentlichen Einflussfaktoren bei der Einrichtung dieser Zonen waren. Wenn eine Tempo 30 Zone kurz vor einem Kindergarten endet und dort wieder Tempo 50 ist, empfinde ich das als einigermaßen skurril. Ebenso bei Zonen, die offensichtlich nicht dem Lärmschutz dienen oder aber an Verkehrsadern. Ich denke, dass eine Überprüfung und notfalls Anpassung hier dringend notwendig ist.

Wie soll es an der Hohen Wende weiter gehen?

Die Lage an der Hohen Wende ist für mich derzeit ehrlich gesagt wie für viele Celler Bürger auch eine schwer zu durchschauende Gemengelage, die es zunächst einmal aufzuarbeiten gilt. Bei allen Überlegungen sollten wir aber stets berücksichtigen, dass wir es hier mit einem herausragenden Grundstück in zentraler, innenstadtnaher Lage zu tun haben, welches zwar im Besitz des Bundes ist, für uns aber von großem Nutzen sein kann. Zum Beispiel bei der Belebung der Innenstadt oder der Schaffung von Wohnraum.

Grundsätzlich aber möchte ich weder derzeitige Planungen zum jetzigen Zeitpunkt torpedieren, noch Aussagen treffen, ohne dazu Detailkenntnise zu haben.

Sie hatten im Wahlkampf versprochen, den alljährlichen Abi-Umzug zu liberalisieren – wird es dabei bleiben?

Selbstverständlich ist es auch weiterhin mein Ziel diese jahrelange Tradition am Leben zu halten und damit allen Schulabgängern einen unvergesslichen Tag zu bescheren. Der Halt mitten in der Stadt, um mit Eltern, Geschwistern und Freunden zu feiern, ist etwas ganz besonderes und ich bin mir sicher, dass wir als Stadt gemeinsam mit Polizei und Schulen einen ordentlichen Ablauf gewährleisten können.