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Celle Stadt CZ-Kommentar zum Castor: Widerstand mit Phantasie
Celle Aus der Stadt Celle Stadt CZ-Kommentar zum Castor: Widerstand mit Phantasie
23:16 09.11.2010
Celle Stadt

Im Wendland hat das große Aufräumen begonnen. Saubermachen müssen die Einheimischen. Demonstranten wie Polizisten sind müde – nach über zwei Tagen strammen Dauereinsatzes. Beide Seiten haben sich zwar nichts geschenkt, sind aber zum Glück größtenteils friedlich miteinander umgegangen. Gegner der Protestler waren und sind ja auch nicht die Polizisten, sondern jene schwarz-gelben Regierungspolitiker in Berlin, die ohne Not die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängerten und dabei nicht wissen, wohin mit dem gefährlichen Müll.

Daran, dass die elf Behälter mit der strahlenden Fracht aus der französischen Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague das Atommüll-Lager im mehr als 1000 Kilometer entfernten Gorleben erreichen würden, hatte im Vorfeld auch dieses Castor-Transports niemand gezweifelt. Für die zigtausenden Anti-Atomkraft-Demonstranten im Wendland und an den Bahnstrecken ging es um die Frage, wie lange und unter welchen Umständen sich der Zug diesmal aufhalten lassen würde. Wie phantasievoll sich Widerstand leben lässt, bewiesen am Montag die Schäferin, als die Einsatzkräfte sich plötzlich auch noch ihrer 1700 Schafe und Ziegen gegenüber sahen. Respekt! Tiere sind ebenfalls Teil der Schöpfung. Oder die List der Greenpeace-Leute mit ihrem Bierlaster – sie nötigt einem eine gewisse Bewunderung ab, die nicht einmal klammheimlich sein muss.

Nicht zu Unrecht können die Atomkraftgegner dieses Wochenende im Wendland als „Sternstunde des Widerstands“ feiern. Zehntausende Demonstranten und Blockierer waren unterwegs – so viele wie nie zuvor. Mit jedem weiteren Castor-Transport nach Gorleben dürfte der Regierung noch deutlicher vor Augen geführt werden, dass ein Endlager dort nicht durchsetzbar ist.

Und weil die Berliner wissen, dass der Widerstand andernorts nicht weniger heftig sein dürfte, wird die Suche nach alternativen Standorten zu Gorleben verdrängt. Weil in Deutschland niemand den Strahlenmüll vor der eigenen Haustür haben will, könnte es am Ende doch noch auf einen Export ins Ausland hinauslaufen. Ob die Brennstäbe aber beispielsweise in Sibirien besser aufgehoben sind, ist wegen ganz anderer russischer Sicher­heitsstandards mehr als fraglich.

Von Hans-Jürgen Galisch